Politischer Spielraum

Stress-Tests im Test

“Die finanziellen Indikatoren sind über den regulatorischen Mindeststandards, und Stresstests legen nahe, dass das System stabil ist.” (Internationaler Währungsfond, Island: Financial Stability Assessment-update, 19 August 2008, p.5 – Übersetzung aus dem Englischen).

Zwei Monate nach der Veröffentlichung dieses Berichts des Internationalen Währungsfonds waren die drei größten Banken Islands zusammengebrochen. Dass Stresstests vor der Finanzkrise falsche Sicherheit suggeriert haben, ist keine Ausnahme, sondern die Regel: kein Stresstest vor der Krise hat die sich aufbauenden Risiken sichtbar gemacht. Trotzdem sind Stresstests nach der Finanzkrise zu einem wichtigen Werkzeug von Aufsehern geworden. In die Abendnachrichten hat es der großangelegte Stresstest europäischer Banken geschafft, den die Europäische Zentralbank durchgeführt hat. Sind Stresstests mittlerweile besser geeignet, die Belastungsfähigkeit des Finanzsystems zu testen? Wenn nicht, sind sie sonst irgendwie nützlich?

Stresstests kommen aus dem Ingenieurwesen. Dort werden Stresstests eingesetzt, um Materialien oder Maschinen unter besonderen Belastungen zu testen. In gleicher Weise wurden Stresstests bei Finanzinstitutionen auch zunächst auf einzelne Institutionen angewandt, in sogenannten Mikro-Stresstests. Mittlerweile werden vermehrt Makro-Stresstests eingesetzt, die die Stabilität von mehreren Institutionen oder sogar des gesamten Finanzsystems testen sollen.

Jeder Stresstest von Finanzinstitutionen hat vier Elemente: Erstens braucht es Institutionen, die getestet werden sollen. Beim großen EZB-Stresstest dieses Jahr waren das zum Beispiel die Banken im Euroraum, die unter Aufsicht der Europäischen Zentralbank gestellt werden sollen. Zweitens muss ein Szenario definiert werden, das getestet werden soll, zum Beispiel eine tiefe Rezession. Drittens muss entschieden werden, welche Eigenschaften der gewählten Institutionen betrachtet werden sollen, zum Beispiel die Zahlungsfähigkeit der Banken, gemessen an ihrem verfügbaren Eigenkapital. Viertens gehört zu jedem Stresstest ein Modell, das die Effekte des Szenario auf die relevanten Eigenschaften der betrachteten Institutionen simuliert.

Modell eines Stresstests (aus Borio 2011)

Modell eines Stresstests (aus Borio 2011)

Die Grafik zeigt den Aufbau eines solchen Modells. Im Kern handelt es sich um ein Makro-Modell, das die Effekte eines definierten Schocks auf die Wirtschaft schätzt. Die Ergebnisse dieses Modells werden genutzt, die direkten Effekte des Schocks mithilfe weiterer Modelle auf die Bilanz der zu testenden Finanzinstitutionen zu messen. Die raffinierteren Stresstests schätzen auch Feedback-Effekte, also die Auswirkungen der sich verschlechternden Bilanzen im Finanzsystem auf die Wirtschaft, und wiederum die Auswirkungen dieser Verschlechterung auf die Banken.

Aber die Techniken, Feedback-Effekte zu schätzen, sind rudimentär. Die meisten Stresstests nehmen an, dass Finanzinstitutionen nicht auf die sich ändernde Wirtschaftslage reagieren, oder erlauben nur für sehr mechanische Verhaltensanpassungen. Dadurch unterschätzen sie die Stärke von Feedback-Effekten, die in der letzten und in früheren Finanzkrisen eine entscheidende Rolle gespielt haben. Damit Stresstests die Effekte vorhersagen, die etwa in der letzten Finanzkrise aufgetreten sind, müssen deshalb sehr große externe Schocks angenommen werden – Schocks, die im Fall der letzten Finanzkrise zum Beispiel gar nicht vorlagen.

Anders als bei den Ingenieuren, wo durch Belastung des zu testenden Objektes der tatsächliche Bruchpunkt identifiziert werden kann, haben Stresstests von Finanzinstitutionen deshalb nur einen sehr begrenzten Erkenntniswert. Raffinierte Stresstest-Modelle bestehen aus hunderten von Gleichungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass alle diese Gleichungen richtig ökonometrisch spezifiziert sind, ist fast null. Selbst Makro-Modelle, die in krisenfreien Zeiten gut funktionieren, versagen charakteristischer Weise in Finanzkrisen, in denen nicht-lineare Entwicklungen die größten Auswirkungen haben.

Diese Probleme mit Stresstests lassen sich nicht einfach durch bessere ökonometrisches Modellierung aus der Welt schaffen. Die Schocks, die Finanzkrisen vorausgehen, sind in aller Regel nicht außerordentlich groß, sondern von üblicher oder gar minderer Größe (siehe z.B. Arbeiten von Alfaro und Drehmann). Wir verstehen die Mechanismen schlecht, die solche Schocks in eine tiefe Finanzkrise verwandeln, und sie werden in Stresstests nicht abgebildet.

An dieser Stelle kann eingewandt werden, dass Stresstests zwar wenig Aussagekraft für tiefe Finanzkrisen haben, aber dafür externe Schocks wie Rezessionen oder die Entwertung bestimmter Staatsanleihen gut modellieren. Stresstests könnten dann helfen, Schwächen im Finanzsystem aufzuspüren, die sich in solchen Situationen auftun könnten. Diese nützliche Funktion von Stresstests will ich nicht in Zweifel ziehen. Ingenieure würde man mit einem so bescheidenen Anspruch an ihre Stresstests allerdings nicht davonkommen lassen. Ein Stresstest, der mögliche Schwächen einer Brücke bei Belastungen an Tagen mit viel Verkehr aufspürt, aber ihren Zusammenbruch bei Unwetter nicht in den Blick nimmt, würde kaum als befriedigend betrachtet.

In einer Hinsicht tragen Stresstests tatsächlich zur Sicherheit des Finanzsystems bei. Wenn Marktteilnehmer den Ergebnissen von Stresstests vertrauen, senkt das die Nervosität in den Märkten. Dieses Zutrauen der Marktteilnehmer in die Belastbarkeit des Finanzsystems macht es in der Tat belastbarer. Es ist allerdings zweifelhaft, wie nachhaltig dieser Zugewinn an Vertrauen ist. In Finanzkrisen kann durch Stresstests gebildetes Vertrauen leicht enttäuscht werden.

Diese Überlegungen legen nahe, dass man aus bestandenen Stresstests nicht auf die Belastungsfähigkeit des Finanzsystems schließen sollte. Außerdem sind die Debatten, ob die Testszenarien scharf genug sind, irreführend. Da die zugrundeliegenden Makro-Modelle nicht geeignet sind, die Verstärkung der Schocks im Finanzsystem zu erfassen, ist es müßig, die Wahrscheinlichkeit, dass ein Testszenario tatsächlich eintritt, zu debattieren. Stresstestern fehlt es nicht an Mut, scheinbar weit hergeholte Annahmen zu prüfen, sondern an Modellen, die die Auswirkungen gewöhnlicher Schocks richtig vorhersagen.

Trotzdem können Stresstests nützlich sein. Erstens können sie Aufsehern helfen, die Belastungsfähigkeit von Finanzinstitutionen relativ zueinander besser einzuschätzen, und dadurch Schwerpunkte bei der Aufsicht zu setzen. Zweitens können Stresstests als Gesprächsgrundlage zwischen Banken und Aufsicht dienen. Die große Wichtigkeit, die Stresstests momentan in der Öffentlichkeit zugemessen wird, ist aber verfehlt. Es würde helfen, einen weniger suggestiven Namen als „Stresstest“ zu benutzen. Am besten wäre es, die Aufsicht veröffentlichte die Ergebnisse nicht. In jedem Fall sollten wir weniger öffentlichen Aufhebens um die Ergebnisse von „Stresstests“ machen. Und ganz bestimmt sollten wir uns nicht von bestanden Stresstests in Sicherheit wiegen lassen.

Zum Weiterlesen:

Ein Gedanke zu “Stress-Tests im Test

  1. Joachim

    Danke für deinen Beitrag, Marco. Borio und Drehmann sind auf jeden Fall eine gute Quelle für Stress-Test-Fragen 😉
    Weitere Punkte warum der Stress-Test sinnvoll war, die mir spontan einfallen:
    Er war nützlich, um eine Drohkulisse für Banken aufzubauen und sie damit zu zwingen, das Eigenkapital aufzustocken. Sonst drohte ein Durchfallen im Stress-Test, im schlimmsten Fall eine Abwicklung.
    Der Stress-Test war eingebettet in ein „Comprehensive Assessment“, zu dem auch eine Asset Quality Review gehörte. Die liefert einen fetten Datenschatz und der kann jetzt ökonometrisch analysiert werden.
    Außerdem wurden in der AQR soweit ich weiß Bilanzposten wie Non-Performing Loans endlich mal europaweit einheitlich bewertet.
    Aber klar, an den Makro-Modellen muss noch einiges auch Grundlegendes verbessert werden. Daran wird heftig gearbeitet. Die Stress-Test Modelle wurden mit jeder neuen Runde verbessert und Modelle für Fire Sales, Herding und Financial Networks sind ziemlich heiße Themen in der Literatur.
    Mal schauen, was dabei rauskommt. Grundsätzlich ist natürlich ein Problem, dass man für Krisen-Episoden nur eine begrenzte Zahl an Datenpunkten hat.

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