Politischer Spielraum

Wer geht eigentlich zu Pegida?

Die ersten systematischen Umfragedaten zu Pegida zeigen scheinbar Erstaunliches. Ist Pegida vielleicht garnicht ausländerfeindlich?  Oder sind die Daten mit viel Vorsicht zu genießen?

Seit Wochen schon fragt man sich, was eigentlich in Dresden gerade los ist. Woher kommen Zehntausende Demonstranten „gegen die Islamisierung“ in einer Stadt in der man den Islam mit der Lupe suchen muss? Nachdem die Ursachenforschung wochenlang den Medien vorbehalten war (mit gemischten Ergebnissen) gibt es nun erste systematische Daten zu Pegida-Demonstranten: Ein Team der TU Dresden hat rund 400 Pegida-Teilnehmer befragt, und erste Ergebnisse veröffentlicht.

Die Ergebnisse sind teils erstaunlich. Die Befragten scheinen einerseits relativ  gut ausgebildet und gutverdienend zu sein. Das beisst sich mit der Darstellung, Pegida bestünde großteils aus Rentnern, Arbeitslosen und Globalisierungsverlierern.

Einkommensverteilung der Befragten in der Pegida-Umfrage

Einkommensverteilung der Befragten in der Pegida-Umfrage: Für Sachsen leicht überdurchschnittlich

Andererseits nennt nur eine Minderheit der Befragten „den Islam“ oder „Islamisierung“ als Motivation für ihren Protest: 54% geht es nach eigener Aussage um allgemeinere „Unzufriedenheit mit der Politik“, selbst „Unzufriedenheit mit den Medien“ wird häufiger genannt (20%) als Vorbehalte gegenüber Zuwanderern und Asylbewerbern.
Angegebene Gründe für die Teilnahme an der Pegida-Demonstration

Angegebene Gründe für die Teilnahme an der Pegida-Demonstration: diffuser Protest statt Ausländerfeindlichkeit?

Die Autoren schließen aus diesen Ergebnissen, dass es sich bei Pegida trotz des Namens im Grunde nicht primär um eine anti-islamische Demonstration handelt. Vielmehr sehen Demonstranten in Pegida „in erster Linie eine Möglichkeit, tief empfundene, bisher nicht öffentlich artikulierte Ressentiments gegenüber politischer und meinungsbildender Elite zum Ausdruck zu bringen“.

Kein Grund zur Entwarnung

Mit Sicherheit kann man aus dieser Umfrage mehr über Pegida lernen als aus selektiven Fernsehinterviews (vor allem wenn es sich um RTL-Reporter handelt). Allerdings muss man Umfragen gerade in diesem Kontext extrem vorsichtig interpretieren – vorsichtiger als viele Zeitungen es heute tun.
Das liegt insbesondere an zwei Umständen. Erstens handelt es sich um eine völlig untypische Umfragesituation: Allen Befragten ist klar, dass sie an einer Demonstration teilnehmen die der deutsche „Mainstream“ täglich öffentlich verurteilt. Da vermutet werden darf dass die Befrager als (staatlich finanzierte) Wissenschafter zu diesem Mainstream gehören, ist die Umfragesituation relativ offen konfrontativ. Kein Wunder, dass diffuse Antwortmöglichkeiten über „Unzufriedenheit mit der Politik“ lieber gewählt werden als offensichtlich außerhalb der Norm fallende Aussagen über den Islam: sie sind der Weg des geringsten Widerstands in der aufgeladenen Umfragesituation.

Man kann das auch für Strategie halten: schliesslich ist ist den Befragten wohl klar, dass Pegida dem Vorwurf ausgesetzt ist, „Nazis in Nadelstreifen“ in seinen Reihen zu tolerieren. Wer Pegida unterstützen möchte tut also gut daran, sich in Umfragen und Interviews als „besorgter Bürger der mit dem Establishment unzufrieden ist“ zu zeigen, anstatt offen über Vorbehalte gegenüber Ausländern zu reden.

Zweitens verweigerten sehr viele Demonstranten die Umfrage: Die 400 Befragten sind nur 35% derjenigen, die zur Umfrage eingeladen waren. Über die Einstellungen der anderen 65% kann man folglich nur spekulieren. Dieses grundsätzliche Problem gibt es in Umfragen natürlich immer. Es führt hier aber aufgrund der Umstände –  eine sehr polarisierte Debatte und der direkte physische Kontext der Demonstration – zu einer extrem starken Einschränkung der Aussagekraft der Studie. Schliesslich ist es mehr als wahrscheinlich, dass es die radikaleren zwei Drittel der Demonstranten waren, die die Umfrage mit dem „Establishment“ verweigerten – so wie sie auch regelmäßig Interviews mit der „Lügenpresse“ verweigern.Dieses Artefakt der selektiven Nichtbeantwortung erklärt wahrscheinlich auch, warum Pegida in der Umfrage demographisch so „normal“ aussieht: weil es sich bei den Befragten um das gebildete, relativ reiche, sozial relativ integrierte Drittel der Demonstranten handelt. Aus der Umfrage gezogene Schlüsse über den „typischen“ Pegida-Demonstrant (z.B. hier) sind deswegen mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch. Dem Spiegel muss man hier ausnahmsweise einmal zugute halten, dass er das Problem am Ende des Artikels wenigstens anreisst.

Was die Gefahr der Pegida angeht besteht also keinerlei Anlass zur Entwarnung: zum einen gibt es gute Gründe zu bezweifeln, dass die Umfrage ausländerfeindliche Einstellungen selbst unter den Befragten korrekt messen kann. Zum anderen handelt es sich bei den Befragten mit hoher Wahrscheinlichkeit um relativ moderate „Mitläufer“, die den Kern der Demonstration nicht gut abbilden. Natürlich gibt es viel diffuse Unzufriedenheit unter den Demonstranten, und vielleicht sind manche von ihnen wirklich nicht wegen dem Islam auf der Straße. Pegida nach der Umfrage als „Pegump – Patriotische Europäer gegen die Unzufriedenheit mit der Politik“ darzustellen ist aber trotzdem ein Fehler.

Eine spannende Frage ist, wie zukünftige Studien derartige Probleme umgehen könnten. In der Sozialpsychologie gibt es bereits entwickelte Verfahren zur Messung von Vorurteilen; diese sind allerdings mitten in einer Pegida-Demonstration wohl nicht einfach einzusetzen.

 

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4 Gedanken zu “Wer geht eigentlich zu Pegida?

  1. Anonymous

    Ein bisschen kontra:
    Ich halte es für sehr unwahrscheinlich dass die 65% non-Response die fast 50% Differenz zwischen Unzufriedenheit mit der Politik und Islamproblem ausgleichen oder sogar umkehren würden. Es ist weitaus wahrscheinlicher dass das vereinfachende ‚in die Rechte Ecke stellen‘ von Anfang an überzogen und unkorrekt war. Ich glaube nicht, dass das ein neuer Faschismus ist sondern einer großer Teil tatsaechlich aus Unzufriedenheiten mit der Politik und den Medien resultiert, ob nun Sozial-, Wirtschafts-, Außen- und natürlich auch Migrationspolitik und eben der öffentliche Umgang mit Kritik daran. Das wird durch die Umfrage gestützt. Man kann die Studie nicht fuer bare Muenze nehmen denn deine methodischen Einwände sind grundsätzlich richtig, aber deine Schlussfolgerung ist in ihrer Extremität nicht durch die Einwaende gerechtfertigt und m.E. ziemlich spekulativ (man könnte auch sagen glaubensbasiert). Die Ergebnisse einer wirklich repraesentativen Umfrage wuerden sicherlich in die von dir vorgeschlagene Richtung gehen und der islamkritische Protest wuerde schwerer wiegen. Aber es ist trotzdem wahrscheinlicher, dass Unzufriedenheit mit der Politik und den Medien weiterhin eine zentrale wenn nicht die zentrale Rolle spielt als nicht. Diese Unzufriedenheit ernst zu nehmen ist wichtig, da ansonsten selbst gut ueberlegte Reaktionen auf PEGIDA ihr Ziel verfehlen.

  2. Pingback: “Pegida gleich Unterschicht weil extremistisch und dumm” – Andreas Kemper

  3. Ernst Zweifel

    In meinen Augen ist ein wesentliches Manko (vielleicht das größte Manko), dass keine Mehrfachnennung möglich war (die Prozente addieren sich auf genau 100). Das ist bei Umfragen zu relativ komplexen Themen wie dem hier, naja, eine äußerst zweifelhafte Methodik.

    Wäre eine weitere Antwortmöglichkeit gewesen „Um Leute zu treffen.“ oder ähnliches wäre das vermutlich die Topantwort. Nur eine einzige Antwort wählen zu können, ist sehr ergebnisverzerrend. Deine angesprochenen Punkte kommen dazu:

    Der Wert der vorliegenden Studie geht mMn gegen 0.

    Am Anfang von Pegida hab ich bei facebook noch aufgerufen, gegen „die Nazis“ demonstrieren zu gehen. Die Woche darauf hab ich das dann auf gegen „die Rassisten“ gedowngradet. Viel weiter runter sollten wir unserer Einschätzung nicht gehen. Das ist kein „friedlicher Spaziergang besorgter Bürger“, wer auf diesen Karren aufspringt, verkennt die Realität. Das ist gefährlich.

  4. Pingback: Stefan Niggemeier | Studie über Pegida-Demonstranten zeigt: Pegida-Demonstranten lehnen Teilnahme an Studie ab

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