Politischer Spielraum

Macht es einen Unterschied Vegetarier zu sein?

Ein oft vorgetragenes Argument für eine vegetarische und vegane Lebensweise ist, dass man dadurch Tierleiden verhindert. In einer Reihe von Artikeln hat der Philosoph Mark Budolfson jüngst überzeugend argumentiert, dass dies nicht der Fall ist. Aufgrund der Funktionsweise der Lieferkette für Lebensmittel tendiert die Einflussmöglichkeit des einzelnen Konsumenten gegen Null. Daraus folgt, dass es umso mehr an den Entscheidungsträgern in Politik, Behörden und Industrie ist, die unmoralischen Zustände in der Massentierhaltung zu beseitigen.

Es gibt Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft. Viele dieser Ungerechtigkeiten verlangen kollektive Lösungen, aber bei manchen können wir auch individuell einen Beitrag leisten, sie zu mildern. Zum Beispiel kann jeder einschreiten, wenn er oder sie Zeuge von rassistischem, sexistischem oder homophobem Verhalten wird.

Eine weitere Ungerechtigkeit ist die Massentierhaltung, die für viele der betroffenen Tiere erhebliches Leid verursacht. Hier nur einige Beispiele der Beeinträchtigung des Tierwohls in der Massentierhaltung, die in einem im März erschienenen Gutachten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (Kapitel 5.1) genannt werden: 2010 wurden 92% aller Nutzschweine in Deutschland auf Spaltenböden gehalten, was zu Haut-, Gelenk- und Klauenverletzungen führt. Durch Unwohlsein unter den Tieren kommt es bei Schweinen und Hühnern zu Schwanzbeißen, Federpicken und sogar Kannibalismus. Um solche Probleme zu beheben, wird den Schweinen der Schwanz kupiert und Hühnern der Schnabel gekürzt, und zwar ohne Betäubung. Männliche Küken werden in Betrieben, die für die Eierproduktion züchten, kurz nach der Geburt getötet, da sie den Zuchtzweck nicht erfüllen: allein 50 Millionen männliche Küken pro Jahr in Deutschland. (Agrarminister Schmidt hat sich das Ziel gesetzt, dass dieses „Kükenschreddern“ bis 2017 ein Ende hat).

Viele Veganer und Vegetarier (einschließlich des Autors) haben sich daher entschieden, ohne jegliche Tierprodukte oder zumindest fleischlos zu leben. 62% der in einer Studie der Universität Jena aus dem Jahr 2007 befragten Vegetarier und Veganer gaben „Tierschutz/Tierrechte“ als den wichtigsten Grund für ihren Verzicht auf Tierprodukte an.

Aber mache ich eigentlich einen Unterschied, wenn ich auf Fleisch oder sogar gänzlich auf Tierprodukte verzichte? In anderen Worten: Ist Vegetarismus bzw. Veganismus eine individuell effektive Form des ethischen Boykotts? Peter Singer, Philosoph und Autor des Buches „Animal Liberation“, einem Manifest der modernen Tierrechtsbewegung, ist nur einer von vielen, die dies denken. Im Folgenden präsentiere ich ein Argument des Philosophen Mark Budolfson von der Universität Princeton, dass Singers Annahme, und die vieler Gleichgesinnter, falsch ist. Daraus folgt, dass Vegetarismus hinsichtlich der Wirksamkeit nicht mit dem Einschreiten gegen fremdenfeindliches Verhalten, sondern eher mit der Stimmabgabe in einer Wahl vergleichbar ist, in der es einen klaren Favoriten gibt und wo die Chance, dass die eigene Stimme einen Unterschied machen wird, gegen Null geht. Daraus lässt sich, so denke ich, noch eine weitere Schlussfolgerung ziehen: Die moralische Verantwortung, Tierleiden zu beenden oder zumindest zu verringern, liegt weniger beim Konsumenten, sondern vor allem bei Politik, Industrie und Behörden, also denen, die in der Lage sind, Verbesserungen herbeizuführen.

Das utilitaristische Argument vegetarisch zu leben

Singers Argument für eine vegetarische Lebensweise ist, dass sie im Vergleich zur alternativen Handlung, d.h., dem Verzehr von Fleisch, in der Gesamtsumme bessere Folgen hat. Dieses Argument beruht auf der ethischen Denkschule des Utilitarismus, der zufolge man diejenige Handlung wählen soll, deren Folgen im Vergleich zu den Folgen der anderen möglichen Handlungen die beste Nutzenbilanz hat. Während der Verzehr eines Brathähnchens mir ein besseres Geschmackserlebnis ermöglicht als eine vegetarische Mahlzeit, so verursacht es auf der anderen Seite Leiden für das Tier, das ich esse. Wägen wir meinen Bonus an Genuss gegen die Leiden des Huhns ab, ist die Nutzenbilanz der vegetarischen Mahlzeit deutlich besser als die des Brathähnchens.

Dieses Argument krankt daran, dass aller Wahrscheinlichkeit nach durch den Kauf des Hühnchens nicht mehr Leiden verursacht wird als wenn ich den Kauf nicht tätige. Das gekaufte Tier ist bereits tot, d.h., das Leiden dieses spezifischen Tieres ist keine Folge meiner Handlung. Des Weiteren werden aufgrund meines Kaufes in den allermeisten Fällen auch nicht mehr Hühnchen geschlachtet. Ob mein Supermarkt heute 21 oder 22 Hühnchen verkauft, wird die Einkaufspolitik des Supermarktes nicht verändern. Will meinen: ob ich ein Hühnchen kaufe oder nicht, macht, in der Regel, keinen Unterschied.

Verfechter des moralischen Vegetarismus in der utilitaristischen Tradition greifen angesichts dieses Problems auf das Konzept des Erwartungsnutzens zurück. Der Erwartungsnutzen einer Handlung ist die Summe der Nutzen der möglichen Folgen der Handlung, gewichtet mit der Wahrscheinlichkeit, dass die Handlung die jeweilige Folge hat. Laut dieses revidierten Utilitarismus sollen wir die Handlung mit dem höchsten Erwartungsnutzen wählen. Der Philosoph Shelly Kagan argumentiert in seinem Artikel „Can I make a difference?“, dass der Kauf eines Hühnchens zwar tatsächlich in den allermeisten Fällen den Supermarkt nicht mehr Hühnchen kaufen lässt, aber dass es eine bestimmte Anzahl verkaufter Hühnchen geben muss, bei welcher der Supermarkt seine Einkaufspolitik eben doch verändert. Nehmen wir an, dass dieser Schwellenwert bei 25 Hühnchen liegt, d.h., der Supermarkt kauft Hühnchen in Einheiten von 25. Wenn meine Kaufentscheidung dazu führt, dass 67 Hühnchen anstatt 66 verkauft werden, hat dies gar keinen Effekt. Wenn sie aber dazu führt, dass 75 statt 74 verkauft werden, hat dies die Folge, dass am nächsten Tag 100 anstatt wie bisher 75 bestellt werden. Kagan nimmt an, dass die Wahrscheinlichkeit, dass durch meinen Kauf der Schwellenwert erreicht wird, bei 1:25 liegt. Der Erwartungsnutzen meines Kaufs eines Hühnchens sieht demnach wie folgt aus:

EN (Brathähnchen) = Genuss des Brathähnchens + 1/25 x 25-faches Hühnerleiden

Der Erwartungsnutzen der alternativen Handlung, das Huhn nicht zu kaufen und stattdessen eine fleischlose Mahlzeit einzunehmen, ist:

EN (vegetarisch) = Genuss der vegetarischen Mahlzeit

EN (vegetarisch) ist größer als EN (Brathähnchen), da Kagan annimmt, dass das Mehr an Genuss durch den Verzehr des Hühnchens geringer ist als der Wert von 1/25 x 25-faches Hühnerleiden, d.h. einem „statistischen“ Hühnerleiden. Ob ich mich vegetarisch ernähre oder nicht, macht einen Unterschied: der Erwartungsnutzen jeder vegetarischen Kaufentscheidung ist höher als der Erwartungsnutzen der alternativen Entscheidung für Fleisch oder Fisch.

Budolfsons Kritik am utilitaristischen Argument

In einer Reihe von Artikeln hat Budolfson einen überzeugenden Einwand gegen Kagans Argument vorgestellt. Budolfson behauptet, dass Kagan die Funktionsweise der Lieferkette von Lebensmitteln zu vereinfacht darstellt. Entlang dieser Lieferkette gibt es „Puffer“, die zu Verschwendung führen. Um kurzfristige Nachfrageschwankungen abzufangen, kaufen Supermärkte etwa systematisch mehr Produkte ein, als sie verkaufen, und dieser Überschuss landet in der Mülltonne. Die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kauf die Folge hat, dass der Supermarkt eine Anzahl von Hühnchen irgendwo in der Mitte zwischen Schwellenwerten verkauft (z.B. zwischen 50 und 75 Hühnchen), ist daher deutlich höher, als die Wahrscheinlichkeit, dass durch meinen Einkauf der Puffer des Supermarktes „überwunden“ wird und die Anzahl an verkauften Hühnchen einem Schwellenwert gleicht. Mit anderen Worten, dass 60, 62 oder 65 Hühnchen verkauft werden, ist jeweils deutlich wahrscheinlicher, als dass 50 oder 75 verkauft werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass durch meinen Einkauf ein Schwellenwert erreicht wird, ist also weitaus geringer als 1:25.

Ein Vergleich mit Wahlen macht dieses Argument klarer. Nehmen wir an, ich nehme an einer Wahl mit 1000 Stimmberechtigten teil und Kandidat A braucht mindestens 501 Stimmen, um zu gewinnen. Was ist die Wahrscheinlichkeit, dass, falls ich für A stimme, A aufgrund meiner Stimme gewinnt? Mit anderen Worten, was ist die Wahrscheinlichkeit, das, falls ich für A stimme, A genau 501 Stimmen bekommt? Falls jede Anzahl an Stimmen für A gleichwahrscheinlich ist, wäre dies 1/1000. Nehmen wir aber weiterhin an, dass laut Umfragen der Kandidat nur rund 300 Stimmen bekommen wird. In diesem Szenario sollte ich die Wahrscheinlichkeit, dass er aufgrund meiner Stimme 501 Stimmen erhalten wird, viel niedriger als 1/1000 ansetzen: Die Wahrscheinlichkeit, dass er mit meiner Stimme 297, 300, oder 304 Stimmen erhält, ist deutlich höher als dass er mit meiner Stimme 501 Stimmen erhält. Laut Budolfson ist die Wahrscheinlichkeit, dass durch meinen Einkauf einen Schwellenwert erreicht wird, aufgrund der Puffer eher mit dem Szenario einer aussichtlosen, als mit dem einer offenen Wahl zu vergleichen.

Dieser Puffer-Effekt multipliziert sich entlang der Lieferkette. Selbst wenn durch meinen Einkauf der Schwellenwert erreicht wird, führt dies noch nicht dazu, dass mehr Hühnchen produziert und geschlachtet werden. Da die Schlachterin auch über einen Puffer verfügt und Überschuss produziert, führen 25 mehr bestellte Hühnchen in den wenigsten Fällen dazu, dass sie mehr Hühner bei dem Landwirt ordert, der ihre Hühner liefert. Die gleiche Überlegung ist auf die Entscheidung des Landwirts anzuwenden, ob er mehr Hühner produzieren soll, in dem (unwahrscheinlichen) Fall, dass mein Einkauf den indirekten Effekt hat, dass die Schlachterin bei ihm mehr Hühner bestellt.

Zusammenfassend: die Wahrscheinlichkeit, dass falls ich ein Hühnchen kaufe, mehr Hühner leiden müssen, tendiert gegen Null. Der Unterschied, den man als Vegetarier macht, ist, gemessen anhand des Erwartungsnutzens, also verschwindend gering.

Was nun? Politik, Behörden und Industrie in der moralischen Bringschuld

Zwei Dinge folgen aus diesem Gedankengang nicht. Erstens, eine kollektive Veränderung im Konsumverhalten hat natürlich dennoch einen nennenswerten Effekt. Wenn eine große Anzahl an Menschen ihre Ernährungsweise vegetarisch umstellt und damit die Nachfrage nach Fleisch zurückgeht, hat das durchaus den Effekt, dass weniger Tiere gezüchtet und geschlachtet werden. Der Punkt ist nur, dass aus der individuellen Perspektive, die Entscheidung vegetarisch zu leben nahezu irrelevant ist.

Zweitens, aus der Ineffektivität eines vegetarischen Lebensstils mit Hinsicht auf das Ziel, Tierleiden zu vermeiden, folgt nicht notwendigerweise, dass Vegetarismus nicht moralisch geboten ist. Utilitaristische Argumente sind nicht die einzigen, die für Vegetarismus ins Feld geführt werden. In einem demnächst erscheinenden Artikel argumentiert Tristram McPherson (Virginia Tech), dass der Konsum von Tierprodukten unmoralisch ist, da man dadurch von einem unmoralischen Plan profitiert, und zwar dem der Produzenten, mittels Tierleiden Profit zu machen.

Ich möchte zum Abschluss noch einen positiven Schluss aus Budolfsons Argument ziehen. Wenn ein gesellschaftliches Übel besteht und ich bin in einer weitaus besseren Lage als Du dies zu verändern, dann liegt die moralische Bringschuld deutlich mehr bei mir als bei dir. Angewandt auf industriell verursachtes Tierleiden heißt dies, dass diejenigen, die über bessere Einflussmöglichkeiten verfügen als die Konsumenten, nahezu allein in der moralischen Verantwortung stehen: Die Politik muss für schärfere Gesetze sorgen oder die Nachfrage nach Tierprodukten durch Steuern senken; die Behörden müssen bereits existierende Gesetze stärker kontrollieren (und durch die Politik dafür entsprechend finanziell und personell ausgestattet werden); die Industrie muss dramatische Verbesserungen in den Betrieben herbeiführen. Eine solche „moralische“ Schieflage zwischen Konsumenten und Entscheidungsträgern besteht in Bezug auf nahezu alle Ungerechtigkeiten. Hinsichtlich des durch die Massentierhaltung produzierten Leidens ist diese Waage aber noch viel schiefer, da hier die Einflussmöglichkeiten des einzelnen Konsumenten verschwindend gering sind.

Anmerkung: In einer früheren Version des Beitrags gab es drei Fehler: Erstens wurde behauptet, dass männliche Kälber in Betrieben, die für die Milchproduktion züchten, kurz nach der Geburt geschlachtet werden. Während dies in manchen Ländern wie Australien der Fall ist, wird dies in Deutschland nicht praktiziert. Zweitens hieß es, dass es unter Rindern und Schweinen zu Schwanzbeißen kommt und den Tieren daher der Schwanz kupiert wird. Dies trifft auf Schweine, aber nicht auf Rinder zu. Drittens stand im Artikel, dass Platzenge Schwanzbeißen und Federpicken verursacht. Richtig ist, dass die genauen Ursachen für diese Verhaltensanomalien in der Wissenschaft kontrovers diskutiert werden und Platzmangel nur einer der möglichen Faktoren ist. Ich bitte die Fehler zu entschuldigen.

5 Gedanken zu “Macht es einen Unterschied Vegetarier zu sein?

  1. Stefan

    Ich glaube das ist jetzt viel Wind um die Frage ob man als einzelner bereits etwas ändert, wenn man kein Hühnchen kauft. Ist es nicht relativ klar, dass das bei millionen geschlachteten Tieren ohnehin keinen nennenswerten Unterschied macht? Vegetarismus kann erst als großflächiger Sinneswandel effektiv sein. Die Entscheidung eines Einzelnen dafür tut dem Tier also immer gut, denn wir sind viele Einzelne.

  2. Hannes

    Ich schließe mich dem Kommentar von Stefan an. Die Vergangenheit hat schon öfter gezeigt, dass Konzerne durch das Verhalten des Verbrauchers zum Einlenken gezwungen wurden. Siehe hierzu die geplante Versenkung der Ölplattform Brent Spar durch Shell im Jahre 1995. Greenpeace hatte damals zum Boykott des Ölkonzerns aufgerufen und schließlich mit dem Druck vieler Menschen, vornehmlich oben erwähnter Verbraucher, den Ölkonzern zum Einlenken bewegt.
    In der oben aufgeführten Rechnung wird vollkommen vernachlässigt, dass ich nicht der einzige bin, der eine solche Kaufentscheidung trifft.
    Für mich klingt aus dem Artikel eher der unvollkommene Versuch das eigene Gewissen mit einer Milchmädchen Rechnung zu beruhigen. Frei nach dem Motto, ich kleiner Verbraucher kann eh nichts an den schlimmen Zuständen ändern, also bleibt mir nichts weiter übrig als das Fleisch zu essen wie bisher.
    Zum Glück denken nicht alle so!
    Was in den letzten Jahren übrigens zu einem immer größeren Angebot an Fleischersatz Produkten im Supermarkt geführt hat.
    Also liebe Leute schiebt die Verantwortung für das Leid der Tiere nicht einfach an Politik und Unternehmen weiter, sondern leistet durch eine bewusste Kaufentscheidung euren eigenen kleinen Beitrag zum tierischen Wohl.
    Denn viele kleine Entscheidungen sind ein Statement!

  3. Sebastian

    Danke für die Kommentare, Stefan und Hannes!

    Zu eurem Punkt, dass es einen Unterschied macht, wenn sich viele entscheiden, vegetarisch/vegan zu leben. Das stimmt natürlich; habe ich im Artikel ja auch erwähnt. Die Frage, die mich beschäftigt, ist: wenn ich individuell das Ziel habe, Tierleiden zu verringern, ist es dann eine effektive Methode, auf Tierprodukte zu verzichten? Und da finde ich Budolfsons Argument schon ziemlich überzeugend: diese Methode ist nahezu völlig ineffektiv, da die Wahrscheinlichkeit, dass sie einen Effekt hat, wahnsinnig gering ist. Nehmt das Beispiel Brent Spar: jeder und jede Einzelne hätten sich damals rationaler Weise sagen können: „Ob ich boykottiere oder nicht ist egal. Entweder boykottieren insgesamt genug, um ausreichend Druck auszuüben, oder nicht. Einer mehr oder weniger macht auch keinen Unterschied.“

    Zu Stefans zweitem Punkt: Mir geht es nicht darum, mein oder irgendjemand anderes Gewissen zu beruhigen. Ich bin selbst Vegetarier und hab es auch vor zu bleiben. Wie zum Ende des Artikels angedeutet, gibt es auch andere (überzeugendere) Argumente dafür, vegetarisch/vegan zu leben. Und mir wäre es auch lieber, wenn viel mehr Menschen auf viel mehr Tierprodukte verzichten würden (zumindest Tierprodukte, die auf eine bestimmte Art hergestellt wurden). Das Paradoxe ist eben, dass was kollektiv einen sehr begrüßenswerten Effekt hat, individuell irrelevant ist. Ich denke, es ist daher umso wichtiger, Anreize von außen für einen geringeren Verbrauch von Tierprodukten zu setzen, z.B. durch höhere Preise. Auf ein moralisch begründetes Konsumverhalten der Verbraucher zu setzen birgt eben die Gefahr, dass Verbrauer sich (zu Recht, wie ich denke) sagen, dass ihre persönliche Kaufentscheidung keinen Einfluss hat.

  4. Babaniftin

    Ich habe meine Schwierigkeiten mit dem Artikel und zwar aus folgenden Gründen:

    1) Die Sachlage ist nicht sauber dargestellt und so wird z.B. im Subtext suggeriert, dass durch die hohe Verbreitung von Spaltenböden es gehäuft zu Verletzungen kommt.
    Ebenso wie bei der bereits bemängelten Kannibalismusthese fehlt hier vollständig ein Unterbau durch belastbare Daten.
    Es könnte durchaus sein, dass die Spaltenböden nicht ausschließlich dem Sadismus der Landwirte entsprungen sind, sondern einen Mehrwert (auch für das Tier) gegenüber der vorangegangen Haltungsform haben.
    Ebenso die Verwendung des ziemlich unscharfen Begriffs der Massentierhaltung – Was genau soll das sein und warum ist das per se schlecht?
    (Man kann ein Tier recht lausig halten und hunderte Tiere sehr gut und umgekehrt.)

    2) Inwiefern sind Tierethiker/Tierrechtler in dieser Diskussion hilfreich, im speziellen die Elaborate eines Singers?
    Damit kommt man doch automatisch in Teufels Küche, da man sich mit der Einteilung in wertes und unwertes Leben (http://bidok.uibk.ac.at/library/maeser-ethik-dipl.html), die Unmöglichkeit der Quantifizierung von Leid (und warum dies überhaupt ein Kriterium sein sollte) und der Absurdität des Speziesismus rumschlagen darf.
    (Ist der Mensch auch nur ein Tier, dann darf er, wie andere Tiere auch, Tiere anderer Arten zu seinem Nutzen töten. Ist er kein Tier wie alle anderen auch, sondern muß sich zu Gunsten anderer Tiere einschränken, wird er nach antispeziesistischer Doktrin diskriminiert.)

    Hier erscheint mir eine Diskussion auf Basis des Tierschutzes die einzig sinnvolle zu sein.

    3) Mir fehlt die Erklärung warum oder wie der Veganismus/Vegetarismus weniger Tierleid verursacht und ein Umweltproblem löst, bzw. die Agrarwirtschaft verbessert?
    (Stichworte wären etwa die Verteilung nutzbarer Agrarfläche, Schädlingsbekämpfung, Fruchtwechsel, landwirtschaftlicher Kreislauf etc)

    4) Zu guter Letzt die allgemeine Frage nach der Ethik:
    Wenn ein fleischfreier Konsument ethisch-moralisch konsumiert, dann ist/handelt der „normale“ Konsument automatisch amoralisch/unethisch?
    (Würde dies als Geschmacksfrage behandelt werden, dann würde sich dieses Problem nicht ergeben, aber eine ethische Begründung hat immer eine gesellschaftliche Dimension)

    Das aus diesen für mich nicht ausreichend begründeten Grundannahmen, der mangelhaften Beweisführung und der z.T. bedenklichen moralischen Abgrenzungen und Wertverschiebungen eine politische Forderung nach Regulation entsteht, halte ich für gefährlich, vor allem wenn man bedenkt, dass hier eine Minderheit der Mehrheit der Mitmenschen, auf Grund einer selbst verliehenen höheren Moral, eine freiheitliche Beschränkung auferlegen will und das in einem sehr elementaren Bereich, nämlich der persönlichen Ernährung.

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