Politischer Spielraum

Vätermonate: Effektives Politikinstrument für mehr Geschlechtergerechtigkeit

Seit 2007 gibt es in Deutschland „Vätermonate“, also bezahlte Elternzeit, die verfällt, wenn sie nicht der Vater wahrnimmt. Neue Studien zeigen, dass Väter, die Elternzeit nehmen, auch nach dieser mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Im Haushalt beteiligen sich Väter langfristig allerdings nur dann mehr, wenn sie länger oder alleine in Elternzeit waren.

Kinderbetreuung und Hausarbeit sind ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt. In Deutschland verbringen Frauen durchschnittlich über eine Stunde mehr pro Tag mit Hausarbeit als Männer. Selbst in Doppelverdienerpaaren übernehmen Frauen mit rund 70-80 Prozent den Großteil der Kinderbetreuung und Hausarbeit.

Ein Politikinstrument, das dazu beitragen soll, die Aufteilung der Kinderbetreuung und Hausarbeit („Familienarbeit“) gerechter zu gestalten, sind „Vätermonate“. In Schweden gibt es diese bereits seit 1995. In Deutschland führte die Elterngeldreform von 2007 zwei Vätermonate ein. (Renate Schmidt hatte diese Reform auf den Weg gebracht und Ursula von der Leyen setzte sie dann um.) Seitdem haben Eltern Anrecht auf 14 Monate bezahlte Elternzeit, aber beide Partner können jeweils nur maximal 12 Monate davon nehmen. Die restlichen zwei Monate sind „Partnermonate“, die nur der jeweils andere Partner nehmen darf. In der Praxis trifft diese Regelung fast nur Väter, da die meisten Mütter sowieso mehr als zwei Monate Elternzeit nehmen. Daher sind diese Partnermonate de facto Vätermonate.

Explizites Ziel der Reform war die stärkere Einbindung der Väter in die Familienarbeit: „Die Regelung soll insbesondere Vätern die Möglichkeit eröffnen, eine aktivere Rolle in der Familie zu übernehmen, und ihnen auch gegenüber Dritten die Entscheidung erleichtern, sich eine Zeitlang der Betreuung ihres neugeborenen Kindes zu widmen“ (aus dem Gesetzentwurf).

Mehr Väterbeteiligung

Die Reform war ein großer Erfolg, wenn man die grundsätzliche Beteiligung der Väter an der Inanspruchnahme des Elterngelds betrachtet. Bis 2006 beteiligten sich weniger als 5 Prozent aller Väter an der Elternzeit. Das änderte sich schlagartig mit der Einführung der Vätermonate. Seit 2007 ist die Beteiligungsrate der Väter jedes Jahr gestiegen. Zuletzt lag sie, für 2013 geborene Kinder, bei 32 Prozent. 80 Prozent dieser Väter nahmen zwei Monate Elternzeit, also genau die vom Gesetz für sie reservierten Vätermonate. Die ZEIT spricht in diesem Zusammenhang etwas enttäuscht von „Zweimonatsvätern“. Im Schnitt nahmen Väter zuletzt 3,1 und Mütter 11,6 Monate Elternzeit. Väter in Bremen sind mit 4,2 Monaten in dieser Wertung Spitzenreiter.

Vätermonate_2001-2013

(Quellen: Erziehungsgeld, Elterngeld)

Man kann wohl davon ausgehen, dass sich Väter während ihrer Elternzeit verstärkt an der Kinderbetreuung und Hausarbeit beteiligen. Was aber passiert, wenn die Elternzeit vorbei ist und beide Partner wieder „erwerbsarbeiten“? Sozialwissenschaftler beschäftigt gerade die Frage, inwieweit Vätermonate auch mittel- und langfristig zu mehr Geschlechtergerechtigkeit führen. (Siehe unter anderem die Studien von Mareike Bünning, Pia Schober und Pia Schober und Gundula Zoch.)

Väter übernehmen mehr Kinderbetreuung, aber nicht unbedingt mehr Hausarbeit

Vätermonate scheinen einen eindeutigen Effekt auf die längerfristige Beteiligung der Väter an der Kinderbetreuung zu haben. So schätzt Mareike Bünning, dass Väter, die Elternzeit genommen haben, nach dieser fünf Stunden pro Woche mehr mit Kinderbetreuung verbringen als zuvor (und gleichzeitig vier Stunden pro Woche weniger „erwerbsarbeiten“). Dabei scheint es relativ egal zu sein, wie viel Elternzeit genommen wurde und ob diese gemeinsam mit der Mutter genommen wurde. Das heißt, Vätermonate scheinen besonders wirksam darin zu sein, Väter auch längerfristig gerechter an der Kinderbetreuung zu beteiligen.

Der Effekt von Vätermonaten auf die Beteiligung der Väter an der Hausarbeit (Putzen, Kochen, Wäsche waschen) scheint jedoch komplexer. Väter die nur ein oder zwei Monate Elternzeit nehmen, und das während der Elternzeit der Mutter, beteiligen sich nach der Rückkehr in die Erwerbsarbeit nicht stärker an der Hausarbeit. Aber Väter, die für länger als zwei Monate in Elternzeit gehen oder zumindest einen Teil ihrer Elternzeit alleine (also ohne die Mutter) wahrnehmen, beteiligen sich auch nach ihrer Elternzeit gerechter an der Hausarbeit. Das lässt sich wohl dadurch erklären, dass sich Väter „hausarbeitsrelevante“ Fähigkeiten vor allem dann aneignen, wenn sie es müssen.

Konsequenzen für die Politik

Vätermonate sind also ein wirksames Politikinstrument, wenn es darum geht, Männer gerechter an der Aufteilung der Familienarbeit zu beteiligen. Gut also, dass Vätermonate im Jahr 2007 endlich auch in Deutschland eingeführt wurden! (Der FAZ zufolge ist es übrigens unwahrscheinlich, dass das Elterngeld, inkl. der Vätermonate, vom Verfassungsgericht gekippt werden könnte, so wie es im Juli 2015 dem auch als „Herdprämie“ bekannten Betreuungsgeld erging.) Es liegt nun an der Politik, dieses Instrument noch besser zu nutzen. Dazu sollte die Politik aktiv versuchen, einerseits die Beteiligungsrate von zuletzt 32 Prozent weiter zu erhöhen und andererseits längere und auch alleinige Elternzeiten von Vätern attraktiver zu machen. Dies könnte durch Informationskampagnen, eine Ausdehnung der Vätermonate oder durch eine Verbesserung der finanziellen Kompensation von Vätermonaten geschehen. Denn eins ist sicher: Deutsche Familien sind noch weit von einer geschlechtergerechten Aufteilung der Kinderbetreuung und Hausarbeit entfernt!

2 Gedanken zu “Vätermonate: Effektives Politikinstrument für mehr Geschlechtergerechtigkeit

  1. Anika Herbst

    „Die restlichen zwei Monate sind „Partnermonate“, die nur der jeweils andere Partner nehmen darf. In der Praxis trifft diese Regelung fast nur Väter, da die meisten Mütter sowieso mehr als zwei Monate Elternzeit nehmen. Daher sind diese Partnermonate de facto Vätermonate.“ — das stimmt so nicht. Die zwei Extramonate an Elterngeld gibt es, sobald beide Partner mindestens 2 Monate nehmen. Da tun sich also ganz neue Verteilungsmöglichkeiten der bezahlten Elternzeit auf! Ganz ausgefallen, für Primzahlliebhaber: 3:11 Monate, oder ein glattes 4:10, auch ein gleich aufgeteiltes 7:7 ist möglich (so haben wir es gehandhabt)!
    Ich war sehr überrascht, dass in meinem Bekanntenkreis genau nach dem „typischen“ Modell Elternzeit genommen wurde: Mutter 12 oder mehr, Vater 2. Dabei handelte es sich v.a. um Akademikerpaare, beide gutverdienend. Ein Argument wie „die finanziellen Einbußen wären höher, wenn der Vater länger in EZ geht“, trafen dort nicht zu. Eher haben Väter m.E. damit zu kämpfen, eine Elternzeit von über 2 Monaten gesellschaftlich und v.a. dem Unternehmen gegenüber zu vertreten. Da wären Anreize und Aufklärungsarbeit also sinnvoll. Ich erzähle darum häufig im Bekanntenkreis, dass wir die Elternzeit hälftig aufteilen. Einfach, damit Menschen erfahren, dass es auch anders geht. ich hoffe, dass sich Termini wie „Vätermonate“ im Sinne von „die 2 Standardmonate eben“ nicht etablieren..

  2. 655321

    Unabhängig von dem strukturell fantastischen Charakter der scheinbaren Zusammenhänge zwischen der erwähnten Gesetzgebung, ihrer vermuteten Zielsetzungen sowie statistisch erhobenen Entwicklungen in elterlicher Anteilnahme halte ich es für gesellschaftsfeindliches Getrolle, die Eignung „politischer Instrumente“ zur Beeinflussung quantisierbarer Verhaltensweisen zentraler darzustellen als die systemische Gleichbehandlung und Entfaltungsfreiheit vor dem Gesetz.

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