Politischer Spielraum

Ted Cruz hat eine Theorie der Finanzkrise: Die Philosophen sind schuld

 

US-Senator Ted Cruz, einer der aussichtsreichsten Bewerber um die US-Präsidentschaftskandidatur für die Republikaner, hat während der letzten Fernsehdebatte zu den republikanischen Vorwahlen die Zentralbank der USA beschuldigt, durch ihre Geldpolitik die Krise von 2008/9 verursacht zu haben. Cruz befürwortet eine regelgeleitete Geldpolitik, die der Zentralbank wenig Handlungsspielraum lässt. Cruz Theorie der Finanzkrise: übermäßig restriktive Geldpolitik führt die Wirtschaft in die Rezession. Im Ergebnis gibt der Häusermarkt nach, und die Wirtschaftskrise vertieft sich durch eine so ausgelöste Finanzkrise. Cruz hat auch eine Erklärung, warum die Zentralbank sich für die angeblich folgenschwere Geldpolitik entschieden hat: Sie versuche, wirtschaftliche Entwicklungen vorherzusagen und zu beeinflussen. Tatsächlich führe aber erst diese Anmaßung zu den Problemen, die die „Philosophenkönige“ in der Zentralbank zu korrigieren vorgäben.

Jetzt sind der Ökonom David Beckworth und der Wirtschaftsjournalist Ramesh Ponnuru Cruz in einem Op-Ed in der New York Times beigesprungen. Sie vergleichen Cruz’ Erklärung für die Krise von 2008/9 mit der alternativen Erklärung, dass das Platzen der Blase am Amerikanischen Immobilienmarkt die Hauptursache der Krise gewesen sei. Und sie kommen zu dem Ergebnis, dass der Kollaps des Immobilienmarktes nicht hinreicht, die Krise zu erklären. Deshalb brauche es eine andere Erklärung – zum Beispiel die von Cruz, die fehlerhafte Geldpolitik bemüht.

Das Hauptargument der Cruz-Apologeten ist, dass die Krise am Immobilienmarkt viel zu unbedeutend gewesen sei, um einen so erheblichen wirtschaftlichen Kollaps zu verursachen, wie wir ihn 2007/8 erlebt haben. Sie zitieren den Yale Ökonomen Gary Gorton, nach dem 2007 nur etwa 6% der Werte auf der Habenseite amerikanischer Banken mit Immobilienkrediten im “Subprime“ Segment und den entsprechenden Derivaten zu tun gehabt hätten. Für die Autoren disqualifiziert sich die Immobilienblase dadurch als Erklärung der Krise: „Es bedurfte eines größeren ökonomischen Schocks, um das Finanzsystem in die Knie zu zwingen.“

Man muss kein Philosophenkönig sein, um in diesem Argument eine versteckte Prämisse zu entdecken: Dass großen Wirkungen große Ursachen vorausliegen müssen. Aber diese Annahme trifft im Allgemeinen nicht zu. In komplexen Systemen – wie dem Wetter – können winzige Abweichungen in den Ausgangsbedingungen den Unterschied zwischen einem Hurrikan und einem lauen Lüftchen machen.

Das Finanzsystem ist auch ein komplexes System, in dem typischerweise ebensolche nichtlinearen Verstärkungseffekte auftreten, wie wir sie vom Wetter kennen. Eine Ursache für die Komplexität des Finanzsystems ist seine dichte Netzwerkstruktur: Die überwiegende Mehrheit von Finanztransaktionen finden nicht zwischen Banken und Haushalten, oder Banken und Firmen statt, sondern zwischen verschiedenen Finanzmarktinstitutionen untereinander. Gerät eine dieser Institutionen in die Klemme, hat das Auswirkungen auf die Zahlungsfähigkeit aller anderen Institutionen, denen sie Geld schuldet. Jene geben diese Zahlungsschwierigkeiten ihrerseits an andere Institutionen weiter. So kann ein kleiner Schock im Finanzsystem durch Feedback-Effekte zu einer riesigen Resonanzkatastrophe führen, wie die Bank of England untersucht hat.

Die Annahme der Proportionalität von Ursache und Wirkung motiviert auch viele Verschwörungstheorien: schwer vorstellbar, dass eine Verkettung banaler Unaufmerksamkeiten, oder gar individuell rationales Verhalten zur kollektiven Katastrophe führen kann. Deshalb erscheinen Erklärungen glaubhafter, die grandiose Pläne mächtiger Akteure wie der FED ins Feld führen.

Das Argument von der zu kleinen Ursache von Beckworth und Ponnuru zurückzuweisen belegt natürlich nicht die Erklärung, die sie angreifen: dass die Immobilienblase die Hauptursache für die Finanzkrise gewesen sei. Die Suche nach einem externen Übeltäter ist möglicherweise ohnehin fehlgeleitet: Andere komplexe Modelle von Finanzmärkten – sogenannte agentenbasierte Modelle  — zeigen, dass es in ungenügend regulierten Finanzsystemen überhaupt keines externen Schocks bedarf, um ihren Kollaps auszulösen. Diese Modelle verweisen auf eine bessere Theorie von Finanzkrisen, nach der ein engmaschiges und intransparentes Netz gegenseitiger Schuldigkeiten in einem Finanzsystem, das mit einer dünnen Kapitaldecke operiert, früher oder später von selbst zusammenbricht. Deshalb brauchen wir bessere Finanzmarktregulierung, aber auch Zentralbanken, die in Krisenzeiten flexibel agieren können.

Weiterlesen:

  • Die Huffington Post zu den Bemerkungen von Ted Cruz zur Finanzkrise
  • Der NYT Artikel von David Beckworth und der Wirtschaftsjournalist Ramesh Ponnuru:
  • Die Bank of England zu Netzwerkstrukturen im Finanzsystem: Gai, Prasanna, Andrew Haldane, and Sujit Kapadia. 2011. “Complexity, Concentration 
and Contagion.” J ournal of Monetary Economics, Carnegie­Rochester Conference on public policy: Normalizing Central Bank Practice in Light of the credit Turmoi, 58 (5): 453–70.
  • Ein Agent-basiertes Modell von Finanzmarktkrisen: Lux, Thomas, and Michele Marchesi. 2000. “Volatility Clustering in Financial Markets: A Microsimulation of Interacting Agents. ” International Journal of Theoretical and Applied Finance 03 (04): 675–702.
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