Politischer Spielraum

Deutsche zahlen so viel wie noch nie

Der Superlativ ist stets ein beliebtes Stilmittel. Er schafft Aufmerksamkeit, da er bahnbrechende Neuigkeiten suggeriert – die alle bisherigen Verhältnisse auf den Kopf stellen und somit Debatten anheizen. Seine Botschaft führt leider oft in die Irre.

Wie die FAZ uns in den letzten Wochen mehrfach mitteilt, zahlt Deutschland nicht nur so viel Bafög wie noch nie, sondern auch noch so viele Steuern wie noch nie. Die Unterschrift der Online publizierten Artikel konkretisiert beide Aussagen in plakativer Form: 570 Milliarden bzw. 3,5 Milliarden Euro (vgl. hier und hier)!

Beide Zahlen sind beeindruckend, und der Vergleich zur gesamten deutschen fiskalischen Geschichte macht deutlich, dass es sich hierbei scheinbar um ein besonderes Ereignis von historischem Wert handelt. Diese Darstellung lässt die Botschaft relativ unverblümt an den steuerzahlenden Leser gelangen: Von seinem hart verdienten Gehalt zahlt er so viele Steuern wie nie zuvor, und diese werden so reichlich wie nie als reine Transfers verwendet.

Nun ist diese Art der Daten-Darstellung kein Alleinstellungsmerkmal der FAZ. Häufig finden sich solche Äußerungen bei anderen, teils öffentlichen Anbietern wie dem Tagesschau-Portal. Beliebt ist speziell in Regierungskreisen die Anführung einer „Rekordbeschäftigung“ als Ergebnis der eigenen Politik (vgl. hier). Aus China und anderen Schwellenländern wurde bis vor kurzem von „Rekordwachstumsraten“ berichtet – hier hat sich die Berichterstattung erstaunlicherweise von absoluten Zahlen verabschiedet.

Statistische Daten werden gerade in der politischen Debatte fast zwangsläufig als Argumentationsstütze benutzt. Und natürlich gibt es Spielraum in der Dateninterpretation, und das Argument mag rein rhetorisch durch eine plakative Darstellung auf den ersten Blick an Gewicht gewinnen. Kritisch wird es jedoch dann, wenn eine einseitige Darstellung widerspruchslos als fait accompli angenommen wird – so geschehen bei so wichtigen Größen wie der Neuverschuldung, die nie in Relation zum Wirtschaftswachstum gesetzt wird, oder dem BIP-Wachstum, welches fast immer ohne Berücksichtigung des Bevölkerungswachstum genannt wird.

Bafög-Ausgaben – wirklich ein Rekord?

Schon einige wenige Regeln können den sensibleren Umgang mit Daten in der öffentlichen Debatte deutlich fördern. Ziehen wir hierzu einmal die Bafög-Zahlen zur Verdeutlichung heran. In dem Artikel, der zunächst den Anschein eines reinen Faktenberichts trägt, jagt ein Superlativ den nächsten: „so viel wie noch nie“, „mehr als je zuvor“, ein „Rekord“. Der Gebrauch dieser Begriffe so wie die kontextbefreite Zitierung der Gesamtausgaben (für Schüler und Studenten) suggeriert, dass hier etwas Einmaliges stattfindet: Die Ausgaben gehen scheinbar durch die Decke, eine Relation zu den eigentlichen Zielen der Ausbildungsförderung (z.B. Bildung unabhängig vom Eltern-Einkommen) wird nicht gegeben.

Die Realität ist indes eine andere. Trotz zweier Gesetzesnovellen (2001, 2008), die den Zugang zum Bafög erleichtern und die potenzielle Empfängerbasis vergrößern sollten, hat die Zahl der Bafög-Empfänger erst im Jahr 2011 zum ersten Mal das Niveau von 1991 übertroffen (vgl. Grafik 1). Im gleichen Zeitraum ist die Studentenzahl jedoch um fast 40 % gestiegen. Der Anteil der Bafög-Empfänger unter den Studenten ist im Jahr 2012 gar wieder auf knapp 27 % gesunken – die absolute Zahl der geförderten Schüler im übrigen auch. Der Anstieg der Bafög-Ausgaben ist also weniger hoch ausgefallen, als die verkürzte Schulzeit und doppelte Jahrgänge erwartet ließen.

Der Anteil der Bafög-Empfänger stagniert.

Bafög-Empfänger und Studenten

Auch der Begriff Ausgaben ist hier irreführend: Bafög wird im Allgemeinen zu 50% als zinslosen Darlehen gewährt – die Hälfte der knapp 3,3 Milliarden kommt also wieder zurück. Dass die Aufwendungen gestiegen sind, geht insbesondere auf einen höheren Förderbetrag pro Person zurück. Dies könnte ein positiver Hinweis auf einen höheren Anteil der vollgeförderten Empfänger sein, deren Eltern über relativ wenig Einkommen verfügen – oder schlicht über die mit der letzten Novelle angepassten Fördersätze, mit denen hauptsächlich ein Inflationsausgleich geschaffen wurde. Die Ausgaben übertrafen erst 2008 den inflationsindexierten Wert und stiegen dann unterproportional zur stark steigenden Anzahl Studenten. Es gibt also heute mehr Studenten pro Bafögempfänger, und dies wird mit vergleichsweise geringen Mehrausgaben erreicht – trotz deutlich gestiegener Lebenshaltungskosten in attraktiven Studentenstädten. Dies ist die eigentliche, überraschende Botschaft, die hinter der Summe von 3,34 Milliarden Euro steckt.

Bafög-Aufwendungen erst durch gestiegene Studentenzahlen im Aufwärtstrend.

Bafög-Aufwendungen

Die Grenzen des Superlativs

Es bleibt also letztlich wenig von der durch den Superlativ implizierten Aussage übrig. Tatsächlich zeigt diese kurze Analyse der frei zugänglichen Daten auf, dass das kontextlose Zitieren von nominalen, absoluten Werten wenig empfehlenswert ist. Ein Verzicht darauf hebt die Qualität jeder Debatte – und käme insbesondere bei der Steuerdebatte zum tragen. Dies heißt nicht, dass ganz auf solche Werte verzichtet oder gar nur noch prozentuale Angaben verwendet werden sollten. Denn diese sind durch ihre Abhängigkeit vom zu Grunde liegenden Basiswert ebenfalls oft problematisch. Es bedarf schlicht einer kritischen Einordnung der Entwicklung des Umfeldes (z.B. Bevölkerungswachstum, Grundgesamtheit) und der Historie der Daten, um Fehler in der Interpretation vermeiden zu können.

Eine tendenziöse Darstellung von Daten kann also – wenngleich formal korrekt – inhaltlich schnell zu falschen Schlüssen führen. Entweder sind sich die Redaktionen der falschen Darstellung bewusst – dann entfernen sie sich deutlich vom Selbstbild des Qualitäts- in Richtung Klienteljournalismus. Oder aber ihre Redakteure sind – möglicherweise aus Zeitgründen – nicht in der Lage, die Aussagekraft der Daten ausreichend zu bewerten – was zum gleichen Schluss führt. Einer vernünftigen Debatte wird auf diese Weise jedoch leider entsagt.

Quellen: Statistisches Bundesamt, Bundesbank

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