Politischer Spielraum

Das Finanzsystem als Risikotechnologie

Fünf Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise haben sich viele Regeln im Finanzsystem verändert, oder sind gerade im Begriff, sich zu verändern. Reichen diese Reformen aber aus, um die nächste große Finanzkrise zu verhindern? Wir erklären, welche Risiken im Finanzsystem stecken, und ob wir sie in den Griff bekommen können.

In dieser Artikelreihe geht es um grundsätzliche Fragen zu Risiken im Finanzsystem. Wir stellen einige Konzepte vor, mit denen Regulatoren versuchen, Risiko im Finanzsystem in den Griff zu bekommen. Immer wieder werden wir einen Schritt zurücktreten, und uns fragen, wie wir mit gesellschaftlichen Risiken insgesamt umgehen sollten, zu denen auch Lebensmittelkrisen, Klimawandel und Cyber-Attacken gehören. In diesem Beitrag stellen wir den Ansatz vor, das Finanzsystem als Risikotechnologie zu begreifen.

Was haben Finanzkrisen, Einkommensungleichheit, Klimawandel und Cyber-Attacken gemeinsam? Zum Ersten haben es diese Risiken bis ganz nach oben auf die Liste der besorgniserregendsten globalen Risiken im Global Risk Report 2014 des Weltwirtschaftsforums gebracht.

Risk_Report2013

Die Kristallkugel des Weltwirtschaftsforums indes sagt mehr darüber aus, was uns heute beschäftigt, als über die Risiken, denen wir morgen ausgesetzt sein werden. Betrachten wir zum Vergleich die entsprechende Grafik im Global Risk Report 2006:

Risk Report 2006
Kurz vor ihrem Ausbruch  suchen wir die letzte Finanzkrisen vergeblich zwischen Terrorismus, Pandemien und dem ”radikalen Islam”. Vorhersagen sind bekanntermaßen besonders schwierig, wenn sie die Zukunft betreffen.

Dass die Kristallkugel des Weltwirtschaftsforums trüb ist liegt an einer weiteren, ungleich interessanteren Gemeinsamkeit von Finanzkrisen, Lebensmittelkrisen, Klimawandel und Cyber Attacken: Sie alle sind mit hoher Unsicherheit behaftet. Unsicher ist nicht nur die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens, sondern auch der Schaden, den sie anrichteten, wenn sie einträten. Damit nicht genug: Unsicher ist ferner, was wir tun müssten, um diese Risiken in den Griff zu bekommen, und was uns solche Maßnahmen kosteten.

Obwohl uns diese Unsicherheiten manchmal wie naturgegeben vorkommen mögen, sind wir ihnen keineswegs notwendigerweise ausgesetzt. Vielmehr entstehen diese Unsicherheiten in komplexen Systemen, die menschengemacht sind, zum Beispiel im globalen Finanzsystem, in der modernen Lebensmittelproduktion, und in weltweit vernetzten Computersystemen. Diesen Systemen verdanken wir riesige Wohlstandsgewinne, und diese Systeme sicherer zu machen kann Teile dieser Wohlstandsgewinne kosten.

Das gleichzeitige Vorkommen von großen Wohlstandsgewinnen, solange alles gut geht, und erheblicher Unsicherheit, ob alles gut geht, zeichnet Risikotechnologien aus. Der Umgang mit Risikotechnologien ist schwierig, aber nicht neu. Das Finanzsystem als Risikotechnologie zu betrachten ermöglicht uns, aus unseren Erfahrungen im Umgang mit anderen Risikotechnologien zu lernen.

Fünf Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise haben sich viele Regeln im Finanzsystem verändert, oder sind gerade im Begriff, sich zu verändern. Zum Beispiel müssen durch das Regelwerk Basel III Banken höhere Anforderungen an ihre Eigenkapitalbasis und ihre Liquiditätsreserven erfüllen. Das neu gegründete internationale Regulierungsgremium Financial Stability Board versucht mit breiterem Mandat als sein Vorgänger, das Financial Stability Forum, Finanzstabilität auf internationaler Ebene zu gewährleisten. Die Volcker-Regel verbietet Banken in den USA, die Einlagen ihrer Kunden für riskante Spekulationen einzusetzen.

Auf Grundlage welcher Überlegungen können wir aber entscheiden, ob diese Reformen unser Finanzsystem stabil genug gemacht haben? In dieser Artikelreihe geht es um grundsätzliche Fragen zu Risiken im Finanzsystem. Wie misst man Risiken im Finanzsystem, und wie aussagekräftig sind solche Messungen? Wie viel Risiko sollten wir im Finanzsystem eingehen, und wie sollen wir das entscheiden, wenn wir nicht wissen, welche Risiken wir eingehen?

Wir stellen einige Konzepte vor, mit denen Regulatoren versuchen, Risiko im Finanzsystem in den Griff zu bekommen. Immer wieder werden wir einen Schritt zurücktreten, und uns fragen, wie wir mit gesellschaftlichen Risiken insgesamt umgehen sollten, zu denen auch Lebensmittelkrisen, Klimawandel und Cyber-Attacken gehören. Können wir aus dem Umgang mit Risiko in diesen Bereichen etwas für die Bewältigung von Risiko im Finanzsystem lernen?

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