Politischer Spielraum

Krisenvermeidung oder Schadensbegrenzung?

In dieser Artikelreihe geht es um grundsätzliche Fragen zu Risiken im Finanzsystem. Wir stellen einige Konzepte vor, mit denen Regulatoren versuchen, Risiko im Finanzsystem in den Griff zu bekommen. Immer wieder werden wir einen Schritt zurücktreten, und uns fragen, wie wir mit gesellschaftlichen Risiken wie Finanzkrisen, aber auch Lebensmittelkrisen oder Klimawandel umgehen sollten. In diesem zweiten Beitrag geht es um das Verhältnis von Finanzkrisen, Risiko, und Unsicherheit. Hier geht es zum ersten Beitrag.

Der Zweck des Finanzsystems

Das Wort Krise ist eine Metapher aus der Medizin, und bezeichnet dort den Punkt während einer Krankheit, an dem Gesundheit und Krankheit sich die Waage halten. Die Krise markiert den Tiefpunkt der Krankheit, nach dem es wieder bergauf geht — hoffentlich.

Krisen sind also negative definiert, als Abweichung von einem gesunden Normalzustand. Von welchem gewohnten Zustand weicht das Finanzsystem ab, wenn es sich in der Krise befindet? Um diese Frage zu beantworten müssen wir angeben, was wir vom Finanzsystem erwarten, wenn es normal funktioniert.

Die Hauptaufgabe des Finanzsystems ist es, Kapital zu Individuen und Firmen zu transferieren, die es produktiv einsetzen können. Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen Finanzinstitutionen zwei Probleme lösen: Erstens haben Individuen und Firmen, die Kapital einwerben wollen, einen Anreiz, ihr Vorhaben in rosigen Farben darzustellen, also ihnen bekannte Risiken zu verheimlichen. Zweitens sind Kreditvergaben mit Unsicherheit behaftet: oft kann niemand wissen, ob sie zurückgezahlt werden können.

Das erste Problem ist das Problem der asymmetrischen Information: die Nachfrageseite für Kredite weiß tatsächlich etwas, hat aber jeden Anreiz, nicht damit rauszurücken. Investoren laufen deshalb Gefahr, den falschen Individuen und Firmen Kredit zu gewähren.

Moral Hazard und Adverse Selection

Asymmetrische Information hat zwei hässliche Effekte. Einerseits werden gerade die schlechtesten Risiken bereit sein, die höchsten Zinsen auf ihre Kredite zu akzeptieren. Das führt zu adverse selection, zu Negativauslese. Wer ein hohes Risiko eingehen will, kümmert sich um die genaue Höhe seiner Verschuldung weniger, als weniger risikobereite Individuen und Unternehmen. Denn wenn ihr riskantes Vorhaben platzt, was sie für wahrscheinlich halten, können sie ihren Kredit ohnehin nicht zurückzahlen.

Ist ein Kredit einmal gemacht, führt asymmetrische Information andererseits zum Problem des moral hazard, des fahrlässigen Verhaltens. Den Großteil des Risikos für das Vorhaben trägt der Investor, denn der Kreditnehmer hantiert mit dessen Geld. Der Kreditnehmer hat deshalb einen Anreiz, sich riskanter zu verhalten, als er es würde, wenn er das Risiko allein trüge, oder weniger hart zu arbeiten, oder Geld für seine persönlichen Zwecke zu verwenden.

Finanzkrisen und Unsicherheit

Für den amerikanischen Ökonomen Frederic Mishkin ist eine Finanzkrise dadurch bestimmt, dass Finanzinstitutionen versagen, die Probleme der Informationsasymmetrie zu lösen:

”Eine Finanzkrise ist eine Störung in den Finanzmärkten. Durch diese Störung wird das Problem der adverse selection und des moral hazard so schlimm, dass die Finanzmärkte Kapital nicht mehr effizient zu den produktivsten Investitionsmöglichkeiten lenken können.”

Damit macht Mishkin in seiner Definition das Problem der asymmetrischen Information zur Hauptsache. Aber halt. Ich hatte oben noch ein zweites Problem erwähnt, das ein Finanzsystem überwinden muss. Dabei handelte es sich um das Problem, dass Kreditvergaben unsicher sind. Häufig weiß niemand, ob eine Investition sich auszahlen wird, oder ob das Einkommen einer Familie sich so entwickeln wird, dass sie einen Hauskredit zurückzahlen kann.

Es geht hier nicht darum, dass die Kreditnehmer etwas verheimlichen. Das Problem ist, dass die Kreditnehmer selbst nicht Bescheid wissen. Das macht Unsicherheiten im Vergleich zu einfachen Risiken aus. Übrigens hat die moderne Volkswirtschaft vor allem Frank Knight die Unterscheidung von Risiko und Unsicherheit zu verdanken, die er in seinem Klassiker Risk, Uncertainty and Profit (1921) entwickelt.

Ein gut funktionierendes Finanzsystem berücksichtigt nicht nur Risiken, die potentiellen Kreditnehmern bewusst sind. Sondern es kann auch Risiken abfedern, mit denen im Augenblick niemand rechnet. Mishkins Definition sollten wir deshalb erweitern: eine Finanzkrise ist ein Zustand, in der Informationsasymmetrien oder Unsicherheit so groß werden, dass die Finanzmärkte Kapital nicht mehr zu seinen produktivsten Verwendungen lenken können.

Regulierung unter Unsicherheit

Nach dem Ausbruch der letzten Finanzkrise kamen auch Regulatoren in die Kritik. Hatten sie denn nichts gelernt aus der amerikanischen Savings-and-Loan Krise in den 1980er Jahren, bei der auch schon Baufinanzierungen im Zentrum standen? Die Regulatoren haben aus dieser Krise gelernt, nämlich wie man eine neue Krise der gleichen Art verhindern kann. Aber die Lehren der Krise aus den Achtzigern half nicht, die sub-prime Krise vorherzusagen.

Die Ursachen der letzten Krise wegzuregulieren wird vermutlich auch dieses Mal nicht hinreichen, die nächste zu verhindern. Regulatoren mögen gut darin sein, kalkulierbare Risiken regulatorisch in den Griff zu bekommen. Aber daraus folgt nur, dass die nächste Krise aus einer Ecke des Finanzsystems kommen wird, in der die Unsicherheit regiert.

Wie reguliert man ein Finanzsystem unter den Bedingungen von Unsicherheit? Eine Grundidee hinter mehreren Veränderungen in der Regulierungslandschaft erkennt an, dass globale Finanzmärkte schwer zu antizipierende Unsicherheiten enthalten. Statt diese zu verringern, versuchen sie die gefährdete Gruppe zu begrenzen und die Schadenanfälligkeit der betroffenen Gruppe zu vermindern.

Beispielsweise haben die USA Ende 2013 ein Reformpaket verabschiedet, das Geschäftsbanken verbietet, bestimmte spekulative Investitionen mit Kundeneinlagen zu unternehmen. Eine ähnliche Regel ist auch Bestandteil der Reform der Bankenregulierung in Großbritannien vom Ende 2013. Einer der Effekte solcher Regulierung ist es, Privatkunden bestimmten Risiken gar nicht erst auszusetzen.

Natürlich können Privatkunden so nur von direkten Auswirkungen auf ihre Einlagen geschützt werden. Wenn in anderen Teilen des Finanzsystems eine Krise entsteht, kann diese trotzdem auf Kreditvergabe und Arbeitslosigkeit durchschlagen. Weitergehende Reformen würden deshalb die Schadenanfälligkeit von Haushalten verringern.

Eine gute Arbeitslosenversicherung macht Haushalte zum Beispiel weniger anfällig für die Härten, mit denen Arbeitslosigkeit sonst verbunden wäre. Die Schadenanfälligkeit von Haushalten für Finanzkrisen sinkt auch, wenn Rentenhöhen nicht vom Spekulationserfolg an der Börse abhängen. Neben Versuchen, die kalkulierbaren Risiken im Finanzsystem zu verringern, müssen wir auch darüber nachdenken, wie wir in Zukunft die Schadenanfälligkeit von Bürgern verringern können.

 

Ein Gedanke zu “Krisenvermeidung oder Schadensbegrenzung?

  1. hasko vk

    Also Mishkin’s Krisenbegriff finde ich jetzt nicht unmittelbar einleuchtend. Denn nach dieser Definition fand die subprime Krise ja vor dem Lehman-crash statt. Der Crash war ja schliesslich das Ergebnis von jahrelanger Fehlallokation von Kapital; nach dem Crash war das Problem nicht unbedingt, dass das Kapital an die falschen Stellen floss, sondern eher, dass es sich ueberhaupt nicht mehr bewegt hat.
    Von daher scheint mir, dass was Mishkin beschreibt eine haeufige Ursache fuer eine Krise ist. Die Krise selbst hingegen besteht darin, dass niemand mehr bereit ist ueberhaupt zu investieren (das nennt man dann wohl Rezession).

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