Politischer Spielraum

Niedrige Wettbewerbsfähigkeit als Ursache der Euro-Krise?

Gravierende Unterschiede in der Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Staaten stehen im Fokus der europäischen Krisenpolitik. Die Annahme, dass steigende Lohnkosten in Peripherie-Ländern Ursache der Euro-Krise waren wird jedoch von einer aktuellen Studie in Frage gestellt.

Das Thema Wettbewerbsfähigkeit steht im Fokus der europäischen Krisenpolitik der letzten Jahre. Diese beruht auf der Annahme, dass es Krisenländern wie Spanien und Griechenland vor allem an einer wettbewerbsfähigen Exportwirtschaft mangelt und dass dies auch Ursache der Krise war.  Besonders deutlich wird diese Position von Angela Merkel vertreten: „[E]s war die Abnahme der Wettbewerbsfähigkeit in einigen Mitgliedstaaten, die wesentlich dazu geführt hat, dass diese Länder in Not und schließlich die Euro-Zone als Ganzes in Gefahr geraten ist. Deshalb ist eine Politik, die auf allen Ebenen vor allem durch Strukturreformen zu mehr Wettbewerbsfähigkeit führt, die richtige Antwort auf die tiefe Krise, in die Europa geraten ist.“ (Regierungserklärung, Dezember 2012).

Die Begründung, dass die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Peripherie vor allem deswegen verbessert werden muss, weil niedrige Wettbewerbsfähigkeit Ursache der Krise war steht im Zentrum der von Angela Merkel geprägten europäischen Krisenpolitik. Von der ZEIT wurde der Glaube an die Bedeutung von Wettbewerbsfähigkeit schon als Kern von „Merkelnomics“ ausgemacht.

Pakte für Wettbewerbsfähigkeit

Im Februar 2011 preschte Merkel mit ihrer Idee eines „Paktes für Wettbewerbsfähigkeit“ nach vorne. Im Gegenzug für finanzielle Hilfen Deutschlands sollten die Krisenländer sich verpflichten ihre Volkswirtschaften wettbewerbsfähiger zu machen. Im März 2011 einigten sich dann die 17 Länder der Euro-Zone und sechs weitere EU-Länder auf den Euro-Plus-Pakt. Zentrales Ziel des Paktes war die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit in den Mitgliedsländern, gemessen an der Entwicklung der Lohnstückkosten.

Lohnstueckkosten-1999-2012

Die Logik war wie folgt: „Starke und anhaltende Steigerungen [der Lohnstückkosten] können zu einer Aushöhlung der Wettbewerbsfähigkeit führen, insbesondere wenn sie mit einer Ausweitung des Leistungsbilanzdefizits und rückläufigen Marktanteilen bei den Exporten einhergehen.“ Da der auf Selbstverpflichtungen basierte Euro-Plus-Pakt als gescheitert gilt, hat die Europäische Kommission im März 2013 das Instrument für Konvergenz und Wettbewerbsfähigkeit auf den Weg gebracht, der jedoch das gleiche Ziel verfolgt. Die Logik hinter diesen Instrumenten der Krisenpolitik ist folgende: Hohe Lohnstückkosten → niedrige Wettbewerbsfähigkeit von Exportgütern → geringe Exporte → Leistungsbilanzdefizit (vereinfacht ausgedrückt: mehr Importe als Exporte) → Abhängigkeit von ausländischem Kapital → Krise im Fall eines Stopps privater Kreditvergabe. Dass Leistungsbilanzdefizite das Risiko von Krisen erhöhen soll hier nicht bezweifelt werden. War es aber wirklich abnehmende Wettbewerbsfähigkeit die die Leistungsbilanz der Krisenländer verschlechterte?

Leistungsbilanzsalden-1999-2012

Studie: Niedrige Wettbewerbsfähigkeit doch nicht die Ursache der Krise

Eine aktuelle Studie der Volkswirte Hubert Gabrisch und Karsten Staehr hat den Zusammenhang zwischen Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsbilanzdefiziten empirisch untersucht. Die Studie zeigt, dass Änderungen in den Leistungsbilanzen der EU-Mitgliedstaaten zwischen 1995 und 2012 durchaus mit Änderungen der durchschnittlichen Lohnstückkosten einhergingen. Die Studie schlussfolgert jedoch, dass steigende Leistungsbilanzdefizite steigenden Lohnstückkosten vorhergingen, und nicht umgekehrt. Methodisch wird dieses Ergebnis unter anderem erreicht indem untersucht wird, ob sich die Daten einer Zeitreihe (z.B. Leistungsbilanzsalden) mit den Daten einer anderen Zeitreihe (z.B. Lohnstückkosten) vorhersagen lassen (mit einem sogenannten Granger-Kausalitätstest). Obwohl die Ergebnisse einzelner empirischer Studien mit Vorsicht zu genießen sind, ist es an dieser Stelle interessant zu überlegen wie ein solcher, vielleicht nicht ganz intuitiver, Zusammenhang erklärt werden könnte.

Eine mögliche Erklärung stellt Kapitalflüsse in den Mittelpunkt. Die Autoren der Studie selbst legen nahe, dass positive Erwartungen ausländischer Investoren zu Kapitalflüssen in die jetzigen Krisenländer geführt haben. Dies führte dann sowohl zu steigenden Leistungsbilanzdefiziten als auch zu steigenden Lohnstückkosten. Hohe Lohnstückkosten und somit niedrige Wettbewerbsfähigkeit wären daher nur ein Nebeneffekt des eigentlichen kausalen Zusammenhangs: Kapitalzuflüsse aus dem Ausland → Leistungsbilanzdefizit → Abhängigkeit von ausländischem Kapital → Krise im Fall eines Stopps privater Kreditvergabe.

Aber wie führen Kapitalzuflüsse zu steigenden Lohnstückkosten? Die Erfahrungen der Krisenländer sollten hier nicht zu sehr verallgemeinert werden. Für Spanien wäre es jedoch plausibel, dass die Immobilienblase ausländisches Kapital anzogen hat und dadurch noch verstärkt wurde. Diese Investitionen wiederum trieben wahrscheinlich die Lohnstückkosten im Baugewerbe in die Höhe, welche in Spanien als Taktgeber für die Lohnstückkosten in anderen Sektoren zu funktionieren scheinen. Ursache der Krise wären somit Kapitalzuflüsse aus dem Ausland und nicht zu geringe Wettbewerbsfähigkeit. (Paul Krugman hat an anderer Stelle schon einmal diskutiert wieso seit Ende der 1990er Jahre besonders viel Kapital auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten war.)

Dadurch wird das Thema Wettbewerbsfähigkeit keineswegs irrelevant. Vor allem langfristig ist es für offene Volkswirtschaften wichtig, starke Exportsektoren zu entwickeln. Dafür sind eine gute physische Infrastruktur, eine gut ausgebildete Bevölkerung und auch produktive Arbeiter durchaus Standortvorteile. Die Behauptung aber, dass niedrige Wettbewerbsfähigkeit (und vor allem hohe Lohnstückkosten) die Euro-Krise ausgelöst haben wird von der hier besprochenen Studie deutlich in Frage gestellt. Vielleicht wäre es also hilfreich, wenn die europäischen Gesetzgeber sich neben Wettbewerbsfähigkeit auch mehr Gedanken um funktionierende und adäquat regulierte Kapital- und Kreditmärkte machen würden.

Ein Gedanke zu “Niedrige Wettbewerbsfähigkeit als Ursache der Euro-Krise?

  1. Dieter Berckvens

    Everything you mention and emphasize on the causes of the Eurocrisis is quite accurate, but I feel you neglect the core issue in your last paragraph: the way the periphery is now enhancing its competitiveness is not by creating „good physical infrastructure, a well-educated population and productive labourers“, but through falling incomes. To the extent that this leads to more productivity, it is through the employment of fewer workers. And the gap in competitiveness with the core is still significant, as the core is only incrementally raising wages. Cue deflation! How is one supposed to create functioning capital and credit markets in this environment? As domestic demand in the periphery is falling, banks know they are providing credit for companies in a shrinking market, so the risk premium is astronomical. So the export channel remains as the only source for growth, hence the Eurozone’s enormous current account surplus. The only issue is, ofcourse, that the appreciation of the Eurois is wiping out all those competitiveness gains. Back to square one. My point being: it may be so that competitiveness differentials did not cause the Euro-crisis, but resolving them in a non-deflationary way (rising wages in the core, stagnating wages in the periphery), is a conditio sine qua non for functioning capital and credit markets.

    Thank you for the blog by the way, I hope you don’t mind I reply in English – academic German is a drag.

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