Politischer Spielraum

Auf dem Weg in die Drei-Klassen-Medizin?

Private Zusatzversicherungen boomen. Was bedeutet das für das deutsche Gesundheitssystem?

Zwei-Klassen-Medizin ist ein gängiger Kampfbegriff in politischen Debatten über das deutsche Gesundheitssystem. Er bezieht sich auf die deutlichen Unterschiede in der Versorgung von Patienten in der Gesetzlichen Krankenversicherung einerseits und den Privaten Krankenversicherungen andererseits. Wie auch immer man ein differenziertes Gesundheitssystem politisch bewertet, kann man beobachten, dass in Deutschland in den letzten Jahren eine dritte Gruppe stark zugelegt hat: Gesetzlich Versicherte mit privaten Zusatzversicherungen.

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Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt, dass die Zahl der abgeschlossenen Zusatzversicherungen von rund 13 Millionen im Jahr 2000 auf 23 Millionen im Jahr 2012 gestiegen ist. Im gleichen Zeitraum ist die Anzahl gesetzlich Versicherter mit mindestens einer privaten Zusatzversicherung von 5,7 auf 13 Millionen gestiegen. Am häufigsten wurden dabei Zusatzversicherungen für Zahnersatz, Krankenhausbehandlung, Heil- und Hilfsmittel (zum Beispiel Medikamente oder Hörgeräte) sowie Auslandsaufenthalte abgeschlossen, wobei der Zuwachs bei Zahnzusatzversicherungen (die zum Beispiel Zahnfüllungen aus hochwertigerem Kunststoff statt Amalgam finanzieren) am größten war: Im Jahr 2000 hatten nur 3,7% aller gesetzlich Versicherten eine Zahnzusatzversicherung; 2012 waren dies 16,6% Prozent.

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Woher kommt der Boom?

Dieses Wachstum der privaten Zusatzversicherungen liegt wohl zunächst an den Beschränkungen des Leistungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherungen. Einen besonders starken Effekt hat hier vermutlich das GKV-Modernisierungsgesetz von 2004 gehabt, welches nicht nur die Praxisgebühr sondern auch zahlreiche Leistungsbeschränkungen eingeführt hat. Ein weiterer Grund für diese Entwicklung lässt sich auf der Angebotsseite finden. Die meisten Gesetzlichen Krankenversicherungen kooperieren mittlerweile mit Privaten Zusatzversicherungen und werben direkt für die Angebote ihrer Kooperationspartner; die Techniker Krankenkasse hier unter anderem mit dem vielsagenden Slogan „Lassen Sie sich erstklassig behandeln“. Die Kassen nutzen diese Kooperationen als Instrument im Wettbewerb um Versicherte, der seit der Einführung des einheitlichen Beitragssatzes im Jahr 2009 nicht mehr über den Preis geführt kann. Für die Versicherten die diese Angebote nutzen bedeutet das natürlich besseren Versicherungsschutz. Mit Kosten sind die privaten Zusatzversicherungen aber natürlich trotzdem verbunden; 2012 lagen diese bei durchschnittlich 34 Euro pro Monat pro Versicherung.

Private Zusatzversicherungen und Ungleichheit

Die Studie des DIW macht jedoch auch deutlich, dass die privaten Zusatzversicherungen keineswegs gleichmäßig über alle gesetzlich Versicherten verteilt sind. Während, im Jahr 2012, 33% aller gesetzlich Versicherten mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von 3000-5000 Euro und sogar 38% all derer mit einem Einkommen über 5000 Euro mindestens eine private Zusatzversicherung hatten, war dies für lediglich 9% derer mit einem monatlichen Haushaltseinkommen von unter 1000 Euro der Fall. Gleichzeitig wirkt sich auch das Ausbildungsniveau aus: 32% aller Versicherten mit einem Hochschulabschluss sorgten privat zusätzlich vor, aber nur 11% aller Versicherten ohne Berufsbildungsabschluss. Private Zusatzversicherungen werden also hauptsächlich von den reicheren und besser ausgebildeten unter den gesetzlich Krankenversicherten abgeschlossen.

 

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Quelle: DIW

Was aus diesen Daten allerdings nicht hervorgeht, ist, warum diese sozioökonomisch schlechtergestellte Bevölkerungsgruppe unterdurchschnittlich wenig privat vorsorgt. Einerseits ist es möglich, dass diese Gruppe viele der Zusatzversicherungen, ob für höherwertigen Zahnersatz oder zusätzliche Pflegeleistungen, durchaus sehr gerne abschließen würde, aber dies aufgrund der relativ hohen und regelmäßigen Kosten nicht tut. Es ist aber auch möglich, dass diese Gruppe viele der von Zusatzversicherungen angebotenen Leistungen, wie zum Beispiel besseren Versicherungsschutz auf Reisen im EU-Ausland, deutlich weniger in Anspruch nimmt und daher auch nicht für diese bezahlen möchte. Zuletzt ist es wahrscheinlich, dass diese Gruppe schlechter über die Angebote privater Zusatzversicherungen informiert ist. Wahrscheinlich haben alle diese Faktoren zu der beschriebenen Ungleichverteilung beigetragen.

Wie man die Entwicklung hin zu dieser Drei-Klassen-Medizin bewertet, hängt davon ab inwieweit man die von privaten Zusatzversicherungen angebotenen Leistungen als Luxus sieht oder als Leistungen auf die alle ein Recht haben. Während ich es für durchaus vertretbar halte, dass der Anspruch auf ein Einzelzimmer im Krankenhaus nicht im gesetzlichen Leistungskatalog ist, halte ich es für wesentlich problematischer freie Arztwahl im Krankenhaus – und damit auch die Verfügbarkeit der besser qualifizierten Ärzte – oder die Kosten einer Wurzelbehandlung (in bestimmten Fällen) in private Zusatzversicherungen abzuschieben, die sich viele gesetzlich Versicherte nicht leisten können. Das starke Wachstum der Zusatzversicherungen hat somit auch zu einer höheren Ungleichverteilung des Krankenversicherungsschutzes in Deutschland geführt.

Ein Gedanke zu “Auf dem Weg in die Drei-Klassen-Medizin?

  1. Julia Huber

    Also ich stehe der Zusatzversicherung zur Krankenkasse schon immer etwas skeptisch gegenüber. Oft lohnt sich doch eher ein Wechsel der Krankenversicherungen und ein Krankenkassenvergleich. Eine Zahnzusatzversicherung im jungen Alter abzuschliesssen lohnt sich heut zu Tage doch sowieso selten, weil die Beitrage sowieso steigen und sich einpendeln.

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