Politischer Spielraum

„Das Kapital“ des 21. Jahrhunderts?

Thomas Piketty schreibt das Wirtschaftsbuch des Jahres und sagt voraus, dass die Erben von Vermögen bald einen Großteil des Reichtums besitzen werden, wenn nichts dagegen unternommen wird. 

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Es gibt einen neuen Starökonom – Thomas Piketty. Er kommt aus Frankreich, war mit jungen 22 Jahren schon Dozent am MIT und führt mit seinem aktuellen Buch „Capital in the 21st Century“ die aktuellen Bestseller-Listen des Faches an. Ich will in einer mehrteiligen Reihe klären, warum das so ist, worum es genau geht, welche Kritikpunkte es gibt und welche politischen Konsequenzen daraus resultieren können.

Thomas Piketty

Ok, das Buch hat 700 Seiten. Geht das auch in einem Absatz?

In einem amüsanten Kommentar über die schiere Flut von Beiträgen zum Buch weist die Washington Post auf zehn einfache Schritte hin, mit denen man seinen eigenen Beitrag zum Thema verfassen kann. Zur Orientierung gibt es daher das Wichtigste vorab in sechs Sätzen: Ja, „Capital in the 21st Century“ hat monumentalen Charakter, ist auch für Nicht-Ökonomen gut lesbar und erfordert dennoch einige Anstrengung, um die knapp 700 Seiten aus Text, Graphen, Formeln und Fußnoten durchzuarbeiten. Der zentrale Baustein des Werkes r (Kapitalrendite) > g (Wirtschaftswachstum) ist wiederum denkbar einfach: Wenn die Kapitalvermögen schneller wachsen als die Wirtschaft insgesamt, dann steigt die Ungleichheit zwischen denjenigen, die durch ihre Arbeitskraft ihren Einkommen erzeugen und denjenigen, die ihr Geld einfach für sich „arbeiten“ lassen. In seinem Buch zeigt er, dass dies im Durchschnitt für die Mehrheit der entwickelten Länder für den Zeitraum seit Beginn der Industrialisierung zutrifft.

Diese Erkenntnis ist das Ergebnis umfangreicher empirischer Arbeit, die die zentrale soziale Frage der Ungleichheit in den Mittelpunkt rückt. Sie ist revolutionär, weil Piketty damit eine dem Kapitalismus inhärente Grundtendenz aufzeigt, die zwangsweise zu einer Dominanz der Erben von Kapitalvermögen führen wird, wenn keine politischen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Dafür liefert er eine globale Steuer auf Kapitaleinkommen gleich als Lösungsvorschlag mit. Zuletzt noch ein Verweis auf Äußerlichkeiten: Bei einem Ökonomieprofessor mit vollem Haar und unüblicher Neigung zu modischem Kleidungsstil darf der Twitter-Feed, indem diskutiert wird ob Piketty nun „Hot or Not“ sei, natürlich keinesfalls unerwähnt bleiben.

Was ist der Hintergrund für dieses Buch?

Pikettys Antrieb ähnelt der Motivation berühmter älterer Ökonomen. John Maynard Keynes schrieb seine General Theory als Reaktion auf die „klassischen“ Ökonomen wie David Ricardo oder Alfred Marshall, Karl Marx verfasste Das Kapital als Reaktion auf die „gutbürgerlichen“ Ökonomen und Thomas Piketty schreibt aus Frustration über Teile der aktuellen Volkswirtschaftslehre. Nach nur drei Jahren als Dozent am MIT kehrte Piketty nach Frankreich zurück, da er die Arbeit von vielen seiner Kollegen nicht überzeugend fand. Der zentrale Fokus lag auf mathematischen Modellen und Theorien, die außerhalb des Faches niemanden interessierten – Piketty wollte jedoch fundamentale soziale Fragen beantworten und begann die Entwickung von Vermögen und Einkommen in erweitertem historischen Kontext zu erforschen.

Die moderne Ungleichheitsforschung basierte bis dahin fast ausschließlich auf Daten aus Haushaltsumfragen, die vor allem bei der Abbildung der obersten Einkommsklasse schwere Defizite aufweisen, da Personen mit sehr hohen Einkommen an den Umfragen erst gar nicht teilnehmen oder die Angabe ihres Einkommens verweigern. Piketty begann daher die Verteilung der Einkommen auf Basis von fiskalischen Daten darzustellen. Das Resultat aus 15 Jahren Forschung ist die „World Top Income Database“, die Daten von 27 Ländern über knapp zwei Jahrhunderte umfasst und die die Ungleichheitsforschung grundlegend verändert hat. Die folgende Grafik zeigt anschaulich die Entwicklung des Anteils der einkommensstärksten zehn Prozent am Gesamteinkommen in Europa und den USA im 20. Jahrhundert.

Einkommensungleichheit Europea & USA

Was sind die zentralen Konzepte in Pikettys Buch?

Um nicht nur die Logik, sondern auch Kritik und Lösungsvorschläge, die ich in den nächsten Beiträgen besprechen werde, nachvollziehen zu können, ist die Definition einiger Konzepte und Beziehungen nötig. Diese Konzepte – das Verhältnis von nationalem Einkommen und Vermögen, die Kapitalrendite und das Wirtschaftswachstum – will ich daher etwas ausführlicher darstellen.

Das erste zentrale Konzept in Capital in the 21st Century ist das Verhältnis von Vermögen und nationalem Einkommen. Piketty definiert das Einkommen eines Landes als die Summe aller Einkommen, die die Bürger eines Landes in einem bestimmten Jahr erzielen. Es ähnelt dem bekannten Bruttoinlandsprodukt und beträgt aufgrund einiger Abzüge etwa 90 Prozent desselben. Mit nationalem Vermögen meint Piketty den Wert aller Güter, die im Besitz der Einwohner und der Regierung eines Landes sind und die in Märkten ausgetauscht werden können. Vermögen ist also die Summe aller nicht-finanziellen Anlagen (Land, Gebäude, Infrastruktur, Patente, Maschinen) und finanziellen Anlagen (Bankkonten, Anleihen, Aktien, Finanzinvestments, Versicherungen, und so weiter). Aus diesen beiden Konzepten setzt sich das Verhältnis von Vermögen und Einkommen eines Landes zusammen, das Piketty β bezeichnet. Ein β von sechs (oder 600%) bedeutet beispielsweise, dass das Vermögen in diesem Land dem Äquivalent von sechs Jahren des nationalen Einkommens entspricht. Im Jahr 2010 betrug das nationale Einkommen in Frankreich, England, Deutschland, Italien, den USA und Japan ungefähr 30.000 bis 35.000 Euro pro Kopf, wobei das Privatvermögen üblicherweise in der Größenordnung von 150.000 – 200.000 Euro pro Kopf lag, also fünf- oder sechsfache des nationalen Einkommens. Die bedeutende Leistung Pikettys ist die umfangreiche empirische Darstellung von β für viele Länder über einen langen Zeitraum.

Die wirkliche Bedeutung des Verhältnis von Vermögen und Einkommen wird allerdings erst in Zusammenhang mit zwei weiteren Konzepten, der zentralen Ungleicheit r > g und dem ersten fundamentalen Gesetz des Kapitalismus klar. Eine Kapitalrendite r von 5% bedeutet: Wenn ich 100.000 Euro in eine Aktie oder ein Unternehmen investiere, bekomme ich für die Dauer des Investments dafür 5000 Euro pro Jahr. Die Wachstumsrate g hingegen ist die jährliche Rate mit der das nationale Einkommen wächst. Das fundamentale Gesetz wiederum besagt, dass der Anteil der Einkommen aus Vermögen am gesamten Einkommen von der Kapitalrendite und dem Verhältnis von Vermögen und Einkommen abhängt. Ein Beispiel: Wenndas Vermögen sechs Jahren des nationalen Einkommens entspricht (also β = 600%) und die Kapitalrendite bei 5% liegt, dann machen die Einkommen, die aus Vermögen erzielt werden, einen Anteil von 30 Prozent am gesamten nationalen Einkommen aus. Wenn sich die Kapitalrendite auf 10% erhöht, machen die Einkommen aus Vermögen einen Anteil von 60% am Einkommen aus. Dieser Zusammenhang ist deshalb wichtig, weil er für alle Gesellschaften und Phasen im Kapitalismus gültig ist und somit ein Grundprinzip darstellt, welches für die Analyse kapitalistischer Ökonomien zentral ist.

Der Kern von Pikettys Analyse ist nun wie folgt: Er zeigt, dass die Kapitalrendite r historisch für alle Perioden ungefähr 5% beträgt, und außerdem dauerhaft über der durchschnittlichen Wachstumsrate liegt – r > g. Wegen des fundamentalen Gesetzeserhöht sich der Anteil der Einkommen aus Vermögen automatisch und es entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess: Durch eine höhere Kapitalrendite werden Vermögende nicht nur beständig reicher, sondern sie haben dadurch auch einen immer größeren Anteil ihres Kapitals übrig, den sie sparen und reinvestieren können. Das größere Sparvermögen wiederum führt dazu, dass das Vermögen noch schneller wächst als das Einkommen und sich somit das Vermögen im Verhältnis zum Einkommenerhöht – der Prozess beginnt wieder von vorne.

Das ist, in Kurzform, das zentrale Leitmotiv in Pikettys Arbeit. Empirisch zeigt er, dass die Ungleichheit in vielen Volkswirtschaften mittlerweile ein Niveau erreicht hat, das das letzte Mal zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu beobachten war. Er prognostiziert eine Intensivierung dieses Trends im 21. Jahrhundert, mit der Folge dass Vermögende und die Erben von Vermögen einen immer größeren Anteil des Reichtums einer Gesellschaft besitzen werden. Das Besondere an Capital in the 21st Century ist allerdings nicht nur die empirische Arbeit; das Buch leistet viel mehr als das. Es ist vor allem eine warnende Erzählung über die Dynamik von Vermögen im Kapitalismus. Wir sollten uns nicht täuschen lassen: Die Entwicklung hin zu einem gleichmäßig verteilten Wohlstand in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg stellt nur eine Ausnahme dar, und vor allem die Stabilität dieser Zeit war nur scheinbar. Historisch dominieren laut Piketty die destabilisierenden Kräfte im Kapitalismus, die die Ungleichheit verschärfen.

Diese Umdeutung der Wirtschaftsgeschichte ist von erheblicher politischer Bedeutung, daher will ich im nächsten Post dieser Reihe die Entwicklung von Vermögen und Einkommen im Laufe der Zeit betrachten und kritisch beleuchten, wie realistisch Pikettys Einschätzung ist, dass die Ungleichheit r > g auch in Zukunft gültig sein wird. Die Einführung einer globalen Vermögenssteuer ist der zentrale Lösungsvorschlag im Buch, deren genaue Ausgestaltung und Umsetzung wird Gegenstand des dritten Beitrags dieser Reihe sein. Der abschließende Beitrag wird sich dann mit der Frage beschäftigen, warum Capital in the Twenty-First Century so viel Aufmerksamkeit erzeugt, und ob sich erste Auswirkungen des Buches beobachten lassen.

4 Gedanken zu “„Das Kapital“ des 21. Jahrhunderts?

  1. Philipp Heller

    r>g ist nicht kompatibel mit einem ewig steigendem Anteil der Kapitaleigentümer am Einkommen. Irgendwann müsste das Einkommen der Kapitaleigentümer das gesamte Einkommen eines Landes übersteigen, was nicht möglich ist. Wenn man sich Makromodelle anschaut, kommt dort ebenfalls die Bedingung r>g vor, allerdings ist dies dort die Bedingung für die Effizienz des Sparverhaltens. Insofern kann man davon ausgehen d, dass r>g auch weiterhin hält. Wirklich schlimm ist das allerdings nicht.

    1. Kai Schulze Autor

      Hallo Philipp!

      Danke für deinen Kommentar, ich stimme deinen beiden Feststellungen zu, jedoch sind sie meiner Meinung nach Teil und nicht Abschwächung der Problematik.

      Du hast Recht, das Einkommen der Kapitaleigentümer kann nicht das gesamte Einkommen des Landes übersteigen, spätestens dort ist Schluss, und das ist genau das, was Piketty befürchtet: Wenn man r > g für die längere Frist als realistisch annimmt (und dem stimmst du ja zu), dann geht β -> unendlich. D.h. deine Feststellung ist richtig, geht jedoch ein bisschen an der Problematik vorbei, denn die Frage ist doch eher, ob alleine der Weg dorthin gesellschaftlich wünschenswert ist und welche Konsequenzen daraus resultieren. Was bedeutet es, wenn ein Bruchteil der Gesellschaft 70 oder 80 Prozent des nationalen Einkommens aus Vermögen erzielt? Was bedeutet das für politische Prozesse und demokratische Entscheidungen? Dieser Zustand wäre eben der eines ‚patrimonial capitalism‘, in dem Vermögen und damit auch Einfluss und Macht vererbt wird, was politische Instabilität sowohl innerhalb als auch zwischen Gesellschaften zur Folge hat. Fändest du es „nicht weiter schlimm“ in so einer Gesellschaft zu leben?

      Was die Makromodelle angeht: Richtig, genau darauf bezieht er sich auch. Es ist eine Feststellung, dass sowohl theoretisch in Makromodellen als auch empirisch r > g gilt. Ein ‚balanced growth path‘ (auf den du dich beziehst, nehme ich an?) ist daher theoretisch möglich, sein Argument ist hier (wieder), dass kleine Änderungen der Parameter Spar- und Wachstumsraten große Auswirkungen auf β innerhalb und zwischen Ländern hat. Genaueres dazu findest du unter 1.3), 2.) und 6.) hier:
      http://piketty.pse.ens.fr/fr/teaching/10-page-statique/25-coursenotesgrowthdistribution
      Wenn ich dich missverstanden habe, kannst du ja nochmal elaborieren :)

      Liebe Grüße!
      Kai.

  2. Philipp Heller

    Hallo Kai,
    danke, dass du dir die Zeit nimmst auf meinen kleinen Kommentar so ausführlich zu antworten.

    Ich habe nicht, gesagt, dass Ungleichheit nicht weiter schlimm sei, sondern nur, dass r>g nicht weiter schlimm ist. Denn einerseits kann r>g rein logisch, wie schon festgestellt, nicht dazu führen, dass der Reichtum der Kapitaleigner langfristig das Wirtsschaftswachstum übersteigt. Was das bedeutet ist, dass die implizite Prämisse, dass die Kapitaleigner sämtliche Einkünfte sparen, nicht halten kann. Einerseits sollte klar sein, dass selbst Kapitaleigner Konsumausgaben haben werden, die dementsprechend nicht mehr zur weiteren Akkumulation verwendet werden können. Zwar kann es sein, dass die Sparquote wohlhabender Kapitaleigner sehr hoch ist, doch dann müsste man sich das Sparverhalten von diesen Personen analysieren. Wird aber nicht gemacht, sondern stattdessen wird behauptet r>g führe zu wachsender Ungleichheit. Das ist allerdings keine hinreichende Bedingung.

    Selbst wenn man annähme, dass die Kapitaleigner einen ausreichend hohen Anteil ihrer Kapitaleinkünfte reinvestieren ist dies an sich nicht weiter schlimm. Denn sobald sich das Verhältnis Kapital zu Arbeit stark erhöht, würde die Grenzproduktivität des Kapitals abnehmen und somit die Zinsrate sinken. Irgendwann würde es sich als nicht mehr lohnen weiter zu investieren. Es kann natürlich sein, dass Kapital keine sinkende sondern eine steigende Grenzproduktivität hat (hier wäre also der starke Effekt von der minimalen Veränderung von bestimmten Parametern, den du angesprochen hast). In diesem Fall würde die Zinsrate nicht ausreichend sinken um weitere Kapitalinvestitionen zu verhindern. Aber auch in diesem Fall ist nicht die Relation r>g von großer Bedeutung sondern ein bestimmter Parameter der aggregierten Produktionsfunktion. Und egal ob die Produktionfunktion nun abnehmenden oder steigenden Grenznutzen hat, r>g würde in jedem Fall halten.

    Im Übrigen legt die Tatsache dass es weltweit Einkommenskonvergenz gibt, ganz im Sinne des Solow Models, nahe, dass Kapital eine abnehmende Grenzproduktivität hat. Auch führt es zu sinkender globaler Ungleichheit.

    Diese und die vorhergehenden Analysen entstammen, wie bekannt sein sollte, eben diesen „mathematischen Modellen und Formeln, die außerhalb des Faches niemanden interessierten“, die aber dennoch, wie mir scheint, für die Fragestellungen, für die Piketty sich interessiert, extrem relevant sind. Besonders interessant hierbei ist, wie Piketty ohne mathematisches Modell versucht den Lesern r>g als fundamentales Gesetz des Kapitalismus zu verkaufen, wenn die mathematischen Modelle, die er anscheinend so gering schätzt, genau dies widerlegen. Mag sein, dass mathematische Modelle nicht perfekt sind, aber das trifft genauso auf verbale Argumentationslinien zu. Der Unterschied, scheint mir, liegt daran, dass in einem mathematischen Modell recht schnell klar ist, dass r>g kein fundamentales Gesetz des Kapitalismus ist.

    Wie dem auch sei, komme ich nachwievor zu dem Schluss, dass r>g nicht wirklich schlimm ist, denn es hängt von anderen Faktoren ab ob die Ungleichheit schlimmer wird oder nicht und ob der Anteil der Kapitaleinkommen am Gesamteinkommen steigt oder nicht. Die Frage ob ich es „nicht weiter schlimm“ fände im „patrimonial capitalism“ zu leben steht somit, meiner Ansicht nach, in keiner Verbindung zu r>g, worauf sich mein ursprünglicher Kommentar bezog.

    Ich hoffe jetzt ist klarer, was ich sagen wollte.

    Liebe Grüße,
    Philipp

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