Politischer Spielraum

Barmherzig oder kriminell? (Assistierter Suizid Teil 2)

Bundesgesundheitsminister Gröhe möchte die erwerbsmäßige und organisierte Suizidbeihilfe verbieten. Ich frage in diesem Beitrag, wie sinnvoll die geplante Gesetzesinitiative ist. Meine Konklusion vorweg: Nur in Teilen sinnvoll.

Wie im ersten Artikel versprochen, soll heute der Vorschlag von Hermann Gröhe auf seine Sinnhaftigkeit untersucht werden. Zur Erinnerung: Der neue Gesundheitsminister plant, die erwerbsmäßige sowie organisierte Selbsttötungshilfe zu verbieten. Aufgrund der etwas anderen Argumentationslage, sollen die beiden Formen der Suizidbeihilfe getrennt voneinander betrachtet werden. Zuerst widme ich mich der organisierten Suizidassistenz: Erscheint es sinnvoll sie zu verbieten? Leider muss man um diese Frage zu beantworten erst einmal tief in die medizinethische Argumentenkiste greifen und verstehen, was für bzw. gegen den assistierten Suizid bzw. seine Legalisierung generell spricht – egal ob organisiert oder nicht. Diese Debatte haben wir für uns als Gesellschaft zwar schon beantwortet, doch die dort geäußerten Argumente helfen, die Debatte um das Verbot der organisierten Suizidhilfe besser zu verstehen und eine vorsichtige Positionierung vorzunehmen.

Gründe für den assistierten Suizid bzw. seine Legalisierung

Erstens spricht für eine Legalisierung des assistierten Suizids das Recht auf Selbstbestimmung über das eigene Leben. Wir sprechen jedem Menschen das Recht zu, über sein Leben frei entscheiden bzw. sein Leben nach eigenem Gutdünken gestalten zu dürfen – dazu gehört auch das Recht auf Selbstschädigung in bestimmtem Rahmen (Rauchen und der übermäßige Konsum von Alkohol sind beispielsweise erlaubt). Dieses Recht kann man soweit auslegen, dass eben auch frei über das eigene Lebensende verfügt werden darf. Suizidassistenz zu verbieten würde dann eine ungerechtfertigte Beschränkung der Autonomie betroffener Personen bedeuten. Zweitens kann durch Suizidassistenz schweres und nach Einschätzung der Betroffenen unerträgliches Leiden (beispielsweise bei schweren chronischen Erkrankungen) beendet werden. Und Menschen am Ende einer langen Krankheitsgeschichte können durch die Möglichkeit des assistierten Suizids von der Angst vor unerträglichem Leiden psychisch entlastet werden. Diese Argumente finden sich so oder so ähnlich beispielsweise hier. Drittens hat assistierter Suizid im Gegensatz zum nicht begleiteten Suizid häufig den Vorteil, dass keine weiteren Dritten gefährdet bzw. belastet werden. Bei Suizid durch Sprung von der Autobahnbrücke können zufällig vorbeifahrende Autofahrer ebenfalls gefährdet werden und der Schienentod führt regelmäßig zu posttraumatischen Belastungsstörungen bei Lokführern. Wenn ein Arzt (oder möglicherweise auch ein pharmakologischer Autodidakt) ein tödliches Gift zur Verfügung stellt, so werden dadurch keine Dritten gefährdet.

Gründe gegen den assistierten Suizid bzw. seine Legalisierung

Auch gegen die Suizidassistenz können mehrere Argumente ins Feld geführt werden. Von Einigen wird Suizid generell abgelehnt, ob assistiert oder nicht. Dies geschieht zumeist im Kontext religiös motivierter Diskurse, in denen die Unverfügbarkeit des menschlichen Lebens ein zentraler Aspekt ist. Das Argument in Kurzform: Unser Leben, als Geschenk Gottes empfangen, ist absolut schützenswert und steht darum gerade nicht zur Disposition des Menschen. Das Argument schränkt also die Selbstbestimmungsrechte des Menschen ein: Er darf zwar über die Gestaltung seines Lebens, aber eben nicht über sein Lebensende frei verfügen. Wer dieses Argument kauft, der muss jede Form der Suizidassistenz ablehnen und hat damit die Diskussion für sich beendet. Nehmen wir aber für den Moment an, der Mensch habe ein Recht über die Gestaltung seines Lebensendes frei zu verfügen (was meiner Meinung nach eher dem gesellschaftlichen Konsens entspricht), welche Gründe sprechen dann gegen die Suizidassistenz?

Häufig wird infrage gestellt, inwieweit der assistierte Suizid wirklich selbstbestimmt stattfindet. Dabei nehmen Verfechter dieser Argumentationsstrategie an, dass der Todeswunsch gar nicht den tatsächlichen Wünschen und Bedürfnissen der Menschen entspricht, sondern entweder (a) Ausdruck einer psychischen Erkrankung wie Depression oder Schizophrenie ist oder (b) der Todeswunsch eigentlich Ausdruck eines Wunsches nach Verbesserung der Lebensqualität ist, der Suizidwillige aber über bestimmte im zur Verfügung stehende Möglichkeiten der Lebensqualitätsverbesserung nicht richtig informiert ist. Er formuliert also nur vor dem Hintergrund fehlender Informationen den Wunsch nach Beistand im Suizid. Dieses Argument wird insbesondere von den Palliativmedizinern stark gemacht, die davon ausgehen, dass bei guter Begleitung sich in den meisten Fällen der Todeswunsch als Angst vor Einsamkeit, Schmerzen oder Überversorgung herausstellt. Damit würde dann nicht etwa assistierter Suizid, sondern eine vernünftige palliative Versorgung den tatsächlichen Wünschen des Patienten entsprechen. Zudem wird befürchtet, dass Angehörige ihre eigene Agenda verfolgen und leidende Menschen unter Druck setzen, ihr Leben vorzeitig zu beenden. Der Todeswunsch ist dann auch hier weniger Ausdruck eines tatsächlichen Wunsches nach Lebensbeendigung als des Wunsches, den Angehörigen emotional und/oder finanziell nicht zur Last zu fallen. Eine Legalisierung der Suizidassistenz würde dann gerade nicht die Selbstbestimmung von Menschen befördern, sondern ihr eher entgegenstehen, da der Suizidwunsch selten die tatsächlichen Wünsche und Bedürfnisse der betroffenen Personen wiederspiegelt – so eine mögliche Argumentation.

Zum Dritten befürchtet man, dass eine Legalisierung der Suizidassistenz negative Konsequenzen sowohl für die Betroffenen als auch die Gesellschaft haben könnte. So wird zum einen argumentiert, dass für die Beteiligten – Angehörige genauso wie möglicherweise assistierende Ärzte oder Pflegekräfte – der Suizidprozess und die Teilhabe daran als psychisch sehr belastend erlebt werden und das Wohlergehen der Betroffenen dadurch massiv beeinträchtigt werden könnte. Zum anderen besteht die Sorge, dass die gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber kranken und gebrechlichen Menschen sich durch die Legalisierung des assistierten Suizids langfristig verändern könnten. Die Legalisierung der Suizidbeihilfe könnte dazu führen, dass bestimmte Lebensformen als nicht mehr lebenswert empfunden werden und das Weiterleben alter, kranker oder behinderter Menschen plötzlich der Rechtfertigung bedarf. Die in den beiden vorhergehenden Abschnitten genannten Argumente werden beispielsweise hier diskutiert. Weitere Argumente betreffen den ärztlich-assistierten Suizid und die Belastung der Arzt-Patient-Beziehung durch die Tatsache, dass der Arzt nicht mehr der uneingeschränkte Verfechter des Lebens ist. Da sich der Beitrag aber nicht auf ärztlich assistierten Suizid konzentriert, sollen diese Argumente hier der Vollständigkeit halber lediglich erwähnt, aber nicht weiter betrachtet werden.

Und was bedeutet das nun für die organisierte Beihilfe zum Suizid?

Betrachten wir nun noch einmal die jetzige Situation in Deutschland. Zur Debatte steht nicht, die Suizidassistenz generell zu verbieten, sondern lediglich die organisierten Varianten der Suizidbeihilfe. Das erscheint aber die schlechtmöglichste Option zu sein. Durch ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe nimmt man sich jegliche Möglichkeit der Regulierung und überlässt es damit den arbiträren und möglicherweise moralisch fragwürdigen Gewissensentscheidungen im Einzelfall. Denn ohne Organisationen, an die man sich wenden kann, müssten sich der ins Vertrauen gezogene Sohn oder der langjährige Hausarzt auf der Grundlage ihrer persönlichen moralischen Einstellungen entscheiden, ob und wie sie den Suizid begleiten wollen und können. Eine organisierte Suizidbeihilfe kann aber Regelungen für die Beihilfe formulieren, die einigen oben genannten Argumenten oder besser Sorgen begegnen: So könnte man die Suizidbeihilfe an verschiedene Bedingungen knüpfen (wie es beispielsweise auch bei der Abtreibung der Fall ist): Man könnte Suizidwillige verpflichten, an einem Informationsgespräch über alternative Versorgungsmöglichkeiten wie palliative und hospizliche Angebote teilzunehmen. Genauso könnte man die Teilnahme an einem Screening auf das Vorliegen von psychischen Krankheiten obligatorisch machen. Und auch das Risiko auf unangemessene Beeinflussung durch Angehörige könnte in suizidvorbereitenden Gesprächen abgeklopft werden. So könnte man sicherstellen, dass der Suizidwunsch dem tatsächlichen Willen der Betroffenen entspricht. Ein negativer Effekt auf die psychische Gesundheit von Angehörigen und anderweitig Beteiligten kann durch eine Begleitung bzw. Supervision nach dem Suizid abgefangen werden – wobei die Sorge hinsichtlich der Angehörigen auf Grundlage der jetzigen Studienlage sowieso unbegründet scheint: In Oregon, wo die organisierte ärztliche Suizidbeihilfe schon seit einigen Jahren legalerweise praktiziert wird, sind die Angehörigen von Suizidwilligen genauso gesund oder krank wie die Angehörigen von „normal“ verstorbenen Patienten.

Auch wenn der Sorge nach einer negativen Wandlung der sozialen Einstellungen nicht durch bessere Organisation begegnet werden kann, spricht das doch nicht für ein Verbot von organisierter Suizidbeihilfe, sondern eher jeglicher Form der Suizidassistenz. Die Sorge um einen Einstellungswandel (auch unter dem Schlagwort Entsolidarisierung diskutiert) ist valide, es ist jedoch fragwürdig, ob sie alleine als Grund reicht, den assistierten Suizid abzulehnen. Wer ein generelles Verbot im Lichte der positiven Aspekte des assistierten Suizids nicht befürwortet, der müsste jedoch für eine bessere Organisation statt gar keine Organisation plädieren. Denn mit einem Organisationsverbot verhindert man Situationen wie die, für die mittlerweile sowohl der Vorsitzende als auch der ärztliche Berater von Sterbehilfe Deutschland e.V. angeklagt worden sind, gerade nicht: Suizid aufgrund einer unangemessenen Aufklärung über Alternativmöglichkeiten bzw. einer unangemessenen Beeinflussung der Entscheidung. Damit soll jedoch keine Aussage über die Tätigkeit des Vereins gemacht werden. Ob die Anklage zurecht erhoben worden ist, ist ungewiss.

Und zu guter Letzt: Die erwerbsmäßige Sterbehilfe

Auch wenn ich das Verbot der organisierten Sterbehilfe ablehne, gibt es einen gewichtigen Grund hinsichtlich der erwerbsmäßigen Sterbehilfe eine andere Positionierung einzunehmen: Interessenskonflikte. Interessenskonflikte sind definiert als Situationen, in denen ein Risiko besteht, dass ein primäres Interesse (hier die Förderung der Selbstbestimmung und die Leidensvermeidung) durch ein sekundäres Interesse (Gewinnbestrebungen) unangemessen beeinflusst wird. Oder anders formuliert: Jemand, der ein finanzielles Interesse an einer Suizidbegleitung hat, wird natürlich eher zu unangemessener Einflussnahme tendieren als jemand, der überhaupt kein persönliches Interessen verfolgt. Neutral beraten kann natürlich auch jemand mit Eigeninteressen, aber das Risiko zur Beeinflussung wächst je mehr man persönlich von einer bestimmten Entscheidung profitiert. Dabei können finanzielle Anreize Grund für unangemessene Einflussnahme sein, aber es kann beispielsweise auch aufgrund persönlicher spiritueller Überzeugungen zu nicht-neutraler Begleitung kommen. Persönliche Einstellungen lassen sich jedoch kaum kontrollieren, finanzielle Interessen schon. Daher spricht aus meiner Sicht einiges dafür, die erwerbsmäßige im Unterschied zur organisierten Sterbehilfe zu verbieten.

Wie geht es nun weiter?

In aller Kürze: Wer weiß!? Nachdem der Versuch der Union, das Verbot bereits in den Koalitionsvertrag zu schreiben, gescheitert war, haben sich die Koalitionspartner nun darauf geeinigt, ohne Fraktionszwang im Bundestag über das Thema Suizidassistenz zu diskutieren. Für die Diskussionen will man sich bis 2015 Zeit nehmen, um auch eine gesellschaftliche Debatte zum Thema Sterbehilfe zu ermöglichen. Dabei werden wie schon bei anderen medizinethischen Themen wahrscheinlich mehrere Gesetzesentwürfe ausgearbeitet, die dann zur Diskussion und schlussendlich auch zur Abstimmung stehen werden. Klare Bündnisse gibt es zurzeit noch nicht und wie sich die Diskussion entwickelt, ist aus heutiger Perspektive auch kaum abzusehen. Es bleibt also spannend!

Ein Gedanke zu “Barmherzig oder kriminell? (Assistierter Suizid Teil 2)

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