Politischer Spielraum

China flunkert bei den Wachstumszahlen

Eine neue Studie zeigt, dass chinesische BIP-Statistiken manipuliert werden. Wie kann man das beweisen, und was bedeutet das?

Kleiderfabrik in Jiaxing, 2008 (Flickr/Matt)

Kleiderfabrik in Jiaxing, 2008 (Flickr/Matt)

Schon lange wurde vermutet, dass chinesische Wachstumszahlen manchmal geschönt werden. Schließlich sind solche Zahlen in dem wachstumsverwöhnten Land politisch brisant, und die BIP-Messer befinden sich unter der Kontrolle der Kommunistischen Partei.

Nun zeigt eine Studie des Politikwissenschaftlers Jeremy Wallace, dass die Wachstumszahlen wohl tatsächlich manipuliert werden. Dafür nutzte er aus, dass Wirtschaftswachstum stark mit anderen Zeitreihen korreliert, die politisch weniger brisant sind und daher vermutlich  nicht manipuliert werden. Insbesondere betrachtete er das Wachstum des Elektrizitätsverbrauchs, welches meist ähnlich verläuft wie das der gesamtwirtschaftlichen Aktivität: Schließlich wird Elektrizität für fast alle Formen wirtschaftlicher Aktivität benötigt.

Aufgrund dieses Zusammenhangs lässt sich zum Beispiel zeigen, dass die chinesischen Wachstumszahlen während der Wirtschaftskrise 2008-2009 recht dramatisch geschönt waren, wie man im Graph unten sehen kann.

BIP-Wachstum und Elektrizitätsverbrauch in China (Wallace, 2013)

BIP-Wachstum und Elektrizitätsverbrauch in China (Wallace, 2013)

Außerdem zeigt der Artikel, dass auch auf der chinesischen Provinzebene gerne mal geflunkert wird. Und zwar interessanterweise besonders dann, wenn die politische Elite in der Provinz wechselt. In solchen Zeiten liegen die Wachstumszahlen nach Schätzungen in dem Artikel etwa einen Prozentpunkt über dem tatsächlichen Wert. Das könnte zum Beispiel daran liegen, dass neue Amtsinhaber stärker unter Druck stehen, „Ergebnisse“ zu liefern.

Eine spannende aber rein spekulative Frage ist, was passiert wäre, wenn die korrekten Wachstumszahlen veröffentlicht worden wären. Schließlich bestanden unter großen institutionellen Anlegern schon zu Zeiten der Krisen einige Zweifel an den Wachstumsstatistiken, und die Investitionsentscheidungen solcher Anleger werden sich durch die frisierten Zahlen wohl kaum verändert haben. Unter weniger informierten Anlegern dürften die Zahlen allerdings auf weniger Skepsis gestoßen sein und könnten somit neben politischen auch direkte wirtschaftliche Effekte gehabt haben.

 

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2 Gedanken zu “China flunkert bei den Wachstumszahlen

  1. Matthias Schmidt

    Interessante Methode das zu messen!

    Relevant ist ja auch die Frage inwieweit die Weltwirtschaft – und somit auch die deutsche Wirtschaft – auf Wachstum in China angewiesen ist. Der Economist hat vor ein paar Jahren den Sinodependency Index eingeführt (http://www.economist.com/node/17363625) und meinte, dass die Chinaabhängigkeit eher überschätzt wird.

    Spannender Blog. Macht weiter so!

  2. Laurenz Bostedt

    Hannes,
    danke für diesen informativen Beitrag. Er hat für einen regen Diskurs in meinem Seminar gesorgt.

    Viele Grüße

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