Politischer Spielraum

Vermögen: ungleich verteilt und ungleich behandelt

Seit Pikettys “Kapital im 21. Jahrhundert” ist die Vermögensungleichheit wieder in den medialen Fokus gerückt. Wichtige Skaleneffekte und Eintrittsbarrieren bei der Kapitalanlage spielten dabei bisher jedoch keine Rolle: Während große Vermögen professionell und effizient gemanagt werden, lassen weniger vermögende Haushalte ihr Geld lieber schnell verfügbar auf Tagesgeldkonten liegen oder stecken es in mager verzinste Lebensversicherungen.

Die Vermögen in Deutschland sind im internationalen Vergleich besonders ungleich verteilt. Das DIW weist für das Jahr 2012 einen Gini-Koeffizient von 0,78 aus (0 bedeutet absolute Gleichverteilung, 1 steht für absolute Konzentration) – mehr als doppelt so hoch wie der Koeffizient der Einkommensverteilung –   obgleich die Top-Vermögen gar nicht erst erfasst sind (siehe hier).

Gini

Als Erklärung für diese Diskrepanz werden oft Kapitalerträge genannt, die bei einer bereits stark ungleichen Verteilung einen selbstverstärkenden Effekt nach sich ziehen: Da fast die Hälfte der Bevölkerung kein signifikantes Vermögen besitzt, fließen die
Kapitalerträge nur der oberen Hälfte der Vermögen zu, was die Verteilung also  automatisch ungleicher macht. Dass dieses Argument die starke Konzentration der Vermögen nur annähernd erklärt, liegt an der impliziten Annahme, dass prozentuale Kapitalerträge auf kleine, mittlere und große Vermögen gleich wären (Homogenität).

Durch diese Annahme wird jedoch der Einfluss von Skaleneffekten und Eintrittsbarrieren bei der Kapitalanlage und Vermögensverwaltung unterschätzt. In der Realität kommen die hohen Renditen auf Kapital, die Piketty in seinem Buch berechnet, nur Anlegern mit großen Vermögen zu Gute. Kaum ein Mittelschicht-Angestellter, der 10.000 Euro vor 5 Jahren angelegt hat, wird auch nur annähernd an die 15 % pro Jahr, die der DAX in dieser Zeit durchschnittlich zugelegt hat, herankommen – ein Zeitraum, in dem er sein Vermögen also auf 20.113 € hätte verdoppeln können.

Auch hier gibt es eine konventionelle Erklärung. So wurde besonders den Deutschen in der Vergangenheit oft vorgeworfen, zu risikoavers bei der Anlage ihrer Vermögen zu agieren – bloß keine Aktien, lieber Tagesgeld mit negativem Realzins: So lange ein noch so kleiner Ertrag positiv auf dem Konto verbucht wird, scheint man hierzulande zufrieden. So verwundert es kaum, dass in Deutschland von 5,15 Billionen Euro Geldvermögen ein Großteil auf Sparbüchern und Tagesgeldkonten liegt. Laut dem sozio-ökonomischen Panel (SOEP) sind Sparbuch, Bausparvertrag und die Lebensversicherung die beliebtesten Anlageformen in Deutschland (hier). Die große Gemeinsamkeit: Minimale Zinsen, minimales Risiko. Dabei sind allein im 1. Quartal 2014 die Geldvermögen um 79 Milliarden Euro gestiegen – eine Entwicklung, die zu 60 % auf Wertpapiergeschäfte zurückgeht, von denen ein Großteil der Anleger eben nicht profitiert (Bundesbank).

Soweit der Konsens, nachdem die Anleger also selbst zu einer Verschärfung der Ungleichheit beitragen. Liegt dies nun aber am Mangel profitabler Anlageprodukte oder einer bewussten Entscheidung dagegen? Mit welchen Möglichkeiten sieht sich besagter Mittelschicht-Angestellter konfrontiert, wenn dieser vor dem Hintergrund dieser Zahlen an der Entwicklung an den Aktienmärkten langfristig partizipieren möchte?

Anlageberatung: Echter Mehrwert oder Kostenfalle?

Nehmen wir an, er sucht  – in Ermangelung von Zeit und Geldanlage-Wissen – einen Finanzmakler auf. Laut einer Forsa-Umfrage vertrauen insbesondere junge Menschen bei der Geldanlage blind dem Rat ihres Bankberaters – der Gang zu einem unabhängigen Makler ist hier schon fast die Ausnahme . Wenn der Anleger nun Glück hat, stellt sich nach eingehender Beratung heraus, dass sein Risikoprofil tatsächlich eine Aktienanlage erlaubt.

In diesem Fall hat der Berater – sofern er nicht unabhängig ist – umgehend die passenden Aktienfonds aus dem eigenen Haus im Angebot. Dass diese oft vergleichsweise schwache Erträge bringen und oft schlechter als der Marktdurchschnitt abschneiden, weiß der Kunde zumeist nicht. Die Kosten hingegen müssen ausgewiesen werden – allerdings nicht in absoluten Zahlen. 5 % des Anlagevermögens verschwinden als „Ausgabeaufschlag“ sofort – gerne unter abenteuerlichen Begründungen wie anfallender Notar- oder Anwaltskosten, die ohnehin schon laufend von den Erträgen abgezogen werden. Der Ausgabeaufschlag ist nichts anderes als eine einmalige Maklerprovision.

Der unabhängige Makler ist in seiner Entscheidung flexibler. Er kann zur Gänze auf den Ausgabeaufschlag verzichten und hat meistens Fonds verschiedener Investmentgesellschaften im Angebot. Anreize schaffen diese für den Makler über dauerhafte Provisionen – meist um 0,5 % – für die Bestände, die der Makler über seine Kunden bei ihnen hält. Das klassische Dilemma, dass gerade die besten Fonds nicht die höchsten Provisionen zahlen ist ein Problem, das aktuell zu einer Verschärfung der Gesetzeslage geführt hat (siehe z.B. hier).

Ist das Geld nun in den Aktienfonds geflossen fallen weitere laufende Kosten an.  Die Verwaltung des Geldvermögens wird hauptsächlich über die „Management Fee“ abgedeckt. Diese liegt meist bei etwa 1,5 % des Anlagevermögens – wohlgemerkt ohne, dass der Manager nur einen Euro Ertrag erzielt hat. Sobald die Fondsentwicklung eine bestimmte Grenze überschreitet werden zusätzlich Performance-Gebühren fällig – meist zwischen 10 und 20 % des zusätzlich generierten Ertrages. Umgekehrt gibt es keine Kompensation, sofern die Wertentwicklung die Grenze unterschreitet. Weitere Kosten wie Publikationskosten, Transaktionsgebühren oder Rücknahmeaufschläge kommen noch hinzu (siehe Tabelle Kostenquoten).

Dies alles bremst die Wertentwicklung des Vermögens auf lange Sicht durch den Zinseszinseffekt und die einmalig anfallenden vergleichsweise hohen Kosten erheblich. Bei Rentenfonds kann es gar zwei oder drei Jahre dauern, ehe auch nur der Ausgabeaufschlag wieder erwirtschaftet worden ist – und in dieser Zeit verliert das Vermögen durch die Inflation weiterhin an Wert. Außerdem verliert der Anleger an Liquidität: Zwar können die meisten Fondsanteile innerhalb von zwei Tagen verkauft werden, jedoch bewirkt der „Lock-In“-Effekt, dass viele Anleger warten bis „die Verluste aufgeholt wurden“.

Ungleiche Verteilung durch ungleiche Behandlung

Langfristig lohnt sich die Anlage in Aktien bei den meisten Fonds natürlich trotz der Kosten für Kleinanleger. Der Unterschied in der Wertentwicklung im Vergleich zu größeren Vermögen über 100.000 Euro ist jedoch eklatant. Für diese legen viele Fonds spezielle Tranchen auf, die mit Kostenquoten von unter 1 % auskommen. Auch Ausgabeaufschläge werden oft nicht oder nur rabattiert fällig. Bereits auf einen Anlagebetrag von 10.000 Euro herunter gerechnet erzielt der vermögende Haushalt so über 20 Jahre einen um 50 % höheren Ertrag – wenn man von einem Fonds ausgeht, der zumindest den durchschnittlichen Ertrag des DAX generiert hat.

Selbst in einem vermeintlich so effizienten Finanzmarkt wie in Deutschland gilt also immer noch: aus wenig Vermögen wenig mehr zu machen ist deutlich schwieriger, als aus viel Vermögen viel mehr zu machen. Dies liegt einerseits an der größeren Zahl der Intermediäre bei Kleinvermögen, anderseits aber auch daran, dass fast alle Kosten prozentual vom Anlagevermögen berechnet werden. Hierdurch werden die absoluten Kosten der Geldanlage verschleiert, was den Anleger durchaus abschrecken kann und für den Makler kleine Vermögen finanziell uninteressant erscheinen lässt. Hinzu kommen nach der Finanzkrise entstandene neue Regulierungen, die einerseits sehr auf Anleger- und damit Risikoschutz fokussiert sind, andererseits sehr hohe Verwaltungskosten – beispielsweise durch erhöhte Protokollierungspflichten – nach sich ziehen. So haben bereits manche Vermögensverwaltungen ihre Untergrenzen für Anlagevermögen angehoben oder die Betreuung von privaten Vermögen komplett gestrichen.

Es trifft also ein ineffizientes, vergleichsweise teures und sich verkleinerndes Angebot von Produkten zur Geldanlage auf durch Finanzkrisen abgeschreckte Kleinanleger. Während große Vermögen professionell und effizient gemanagt werden, lassen weniger vermögende Haushalte Ihr Geld lieber schnell verfügbar auf Tagesgeldkonten liegen oder stecken es in mager verzinste Lebensversicherungen. Dieser Zustand ist nicht allein durch die Risikoaversion der breiten Masse der Anleger erklärbar, sondern ist ebenso durch die Eintrittsbarrieren und vergleichsweise hohen Kosten der Geldanlage für Kleinanleger begründet.

Eine bessere Regulierung der Kostenquoten könnte zumindest die Auswirkungen auf die Vermögensungleichheit reduzieren – zum Beispiel indem diese in Relation zum Durchschnitt gesetzt und gekennzeichnet werden müssten. Leider zielen die Maßnahmen, die insbesondere von der EU nach der Finanzkrise umgesetzt wurden, noch immer mehr in Richtung Kontrolle der (unabhängigen) Anlageberater. So müssen diese seit diesem Monat ihre Bestandsprovisionen offenlegen und dürfen im Allgemeinen nicht mehr in Vertretung des Anlegers Transaktionen tätigen. Dies schützt Kleinanleger aber insbesondere nicht vor hohen Kosten und erschwert im Gegenteil einen einfacheren Zugang der breiten Bevölkerung zu den Kapitalmärkten. So kann die gesamte Bevölkerung weiterhin langfristig nicht gleichmäßig von selbst erwirtschafteten Unternehmensgewinnen und Wohlstand profitieren. Die ungleiche Verteilung der Vermögen in Deutschland wird sich hingegen allein auf Grund der Ungleichbehandlung weiter verstärken.

2 Gedanken zu “Vermögen: ungleich verteilt und ungleich behandelt

Kommentar verfassen