Politischer Spielraum

Freie Preisbildung auf dem Arzneimittelmarkt: Eine teure Illusion

Das neue Medikament Sovaldi schlägt derzeit hohe Wellen: Nicht nur, weil es wohl gut gegen Hepatitis C wirkt, sondern auch weil es extrem teuer ist. In der Debatte geht es auch darum, wie frei der Arzneimittelmarkt sein sollte.

Im Januar 2014 wurde das Hepatitis C-Medikament Sovaldi (auch bekannt unter dem Wirkstoffnamen Sofosbuvir) des amerikanischen Produzenten Gilead für den europäischen Markt zugelassen. Aufgrund eines derzeitigen Preises von 700 Euro pro Pille (20.000 Euro pro Packung, beziehungsweise 60.000 Euro für eine komplette 12-wöchige Therapie) ist eine Debatte um die Frage entbrannt, ob die Preise von Arzneimitteln zu hoch sind und politisch stärker reguliert werden sollten (unter anderem in der ZEIT, im Tagesspiegel und im Magazin Forbes).

Nach derzeitiger Gesetzeslage in Deutschland, dürfen Produzenten die Preise ihrer Produkte im ersten Jahr auf dem Markt selbst festlegen. Und da die gesetzlichen Krankenkassen die Nutzung von Sovaldi erstatten müssen – weil dem Medikament vom sogenannten Gemeinsamen Bundesausschuss ein Mehrwert gegenüber „zweckmäßigen Vergleichstherapien“ zugesprochen wurde (siehe dazu auch diesen Spiegel-Artikel) –, kann sich Gilead im ersten Jahr somit aussuchen welchen Betrag es überwiesen bekommen möchte. Erst nach einem Jahr kommt es dann zu einer Form von Preisregulierung durch gesetzlich vorgeschriebene Rabatt-Verhandlungen zwischen Herstellern und den gesetzlichen Krankenkassen.

In einem Interview zum Fall Sovaldi äußerte sich Uwe Deh, Vorstand des Bundesverbands der AOK, folgendermaßen: „Wir können hier beobachten, wie ein Arzneimittelhersteller geschickt die zwölf Monate der freien Preisbildung nutzt, um damit seinen Gewinn in einer Art und Weise zu optimieren, die bislang zum Glück Seltenheitswert hat.“ Obwohl ich Uwe Deh in seiner Schlussfolgerung, dass die Preise von Arzneimitteln von Anfang an politisch reguliert werden sollten, absolut zustimme, ist es wichtig zu betonen, dassauch im ersten Jahr von „freier Preisbildung“ nicht die Rede sein kann.

Die Wirtschaftswissenschaften sprechen von freier Preisbildung, wenn ein Preis durch das Zusammenspiel von freiem Angebot und freier Nachfrage Zustande kommt; wenn also sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite (vollkommener) Wettbewerb besteht. Die Angebotsseite des Arzneimittelmarktes ist aber keineswegs frei, da der Gesetzgeber durch Patente künstlich Monopole schafft (wofür es auch gute Gründe gibt). Gilead kann momentan natürlich „frei“ bestimmen, welchen Preis es für Sovaldi in Deutschland verlangen möchte – dabei handelt es sich aber um monopolistische, nicht um freie Preisbildung.

Es geht in der Debatte um die 700 Euro-Pille Sovaldi also nicht darum, ob wir uns einen freien oder einen politisch regulierten Arzneimittelmarkt wünschen. Vielmehr geht es darum, ob wir einen nur teilweise, hauptsächlich zu Gunsten der Produzenten, regulierten Markt oder einen umfassender regulierten Markt möchten, in dem die negativen Folgen von künstlich eingeschränktem Wettbewerb auf der Angebotsseite durch Preisregulierung wieder ausgeglichen werden. Ein echter „freier Markt“ für Arzneimittel würde auch echten Anbieterwettbewerb und somit zumindest die deutliche Einschränkung des Patentschutz bedeuten. Und das wünscht sich die Arzneimittelindustrie sicher nicht.

Kommentar verfassen