Politischer Spielraum

Umfragen übertreiben

Vor jeder Wahl verfolgt die Öffentlichkeit ritualhaft Umfragen. Aber was zeigen kurzfristige Entwicklungen in Umfrageergebnissen wirklich? Manchmal gar nichts, wie eine neue Studie zeigt.

Wer erinnert sich noch an die erste TV-Debatte zwischen Obama und Romney 2012? Obama lag in den Umfragen schon klar in Führung aber machte in der Debatte einen sehr unsicheren Eindruck, während Romney auftrumpfte. In den folgenden Wochen schien es dann, als hätte das TV-Duell den Lauf des Wahlkampfs grundlegend verändert: Romney gewann scheinbar deutlich an Stimmen hinzu und lag in Führung. Darauf folgten auch höhere Spenden und mehr freiwillige Wahlkampfhelfer. Der Ausgang schien sehr knapp. Am Ende gewann Obama trotzdem und Europa atmete zum übergroßen Teil auf.

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Obamney – Präsidentschaftswahlkampf 2012 (flickr)

Das war spannendes Wahlkampftheater, Futter für Tausende Journalisten, und ein echter Nervenkrimi. Was aber war wirklich passiert? Fast garnichts, wie eine neue Studie des Politikwissenschaftlers Andrew Gelman und seiner Koautoren zeigt. In Wirklichkeit änderte kaum ein US-Bürger nach dem ersten TV-Duell seine Meinung. Der scheinbare Absturz Obamas in den Umfragen hatte großteils mit etwas ganz anderem zu tun: da man niemanden zur Umfrage zwingen kann, muss man diejenigen befragen, die der Umfrage freiwillig zustimmen. Und nach der aus ihrer Sicht misslungenen Debatte antworteten Demokraten seltener auf Einladungen, an Umfragen teilzunehmen. Das macht psychologisch durchaus Sinn; schließlich hatte ihr Kandidat gerade eine eher enttäuschende Leistung geliefert und so waren sie kurzfristig weniger enthusiastisch. Umgekehrt waren überzeugte Republikaner nach dem TV-Duell eher bereit, zu ihrer politischen Meinung befragt zu werden, schließlich hatten sie etwas zu feiern.

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Unterstützung für Obama vor der Präsidentschaftswahl- einmal mit statistischer Korrektur für unterschiedliche Antwortwahrscheinlichkeiten von Demokraten und Republikanern (fett), einmal ohne (hellgrau)

So kommt es, dass ein Großteil des Absturzes nach dem TV-Duell völlig fiktiv war: In Wirklichkeit hatte nur etwa einer von 200 vorherigen Obama-Anhängern wirklich beschlossen, für Romney zu stimmen (umgekehrt waren es noch weniger). Viel Aufregung um ziemlich wenig also. An Obamas Umfrageergebnissen konnte man das allerdings nicht sehen: die gingen in den Tagen nach der Debatte in den Keller.

Was lernt man daraus? Nie wieder Umfragen glauben?

Dass man mit Umfragen vorsichtig sein muss, ist heutzutage schon so etwas wie ein Allgemeinplatz. Leider schlägt sich das häufig in pauschaler Umfragenablehnung nieder, die ebenfalls kontraproduktiv ist – wer öffentliche Meinung nicht mehr messen will, muss raten oder Vogelschau betreiben um zu erfahren was die Menschen denken und wollen. Man sollte ebenfalls nicht vergessen, dass umfragenbasierte Verfahren bei der Vorhersage von Wahlen (auch und gerade in den USA) extrem leistungsfähig sind – man regt sich darüber eben nur auf, wenn es schief läuft.

In jedem Fall wäre es aber besser, das Augenmerk auf lang-statt kurzfristige Entwicklungen zu legen- und dies nicht nur, weil Umfragen manchmal irreführend sein können. Insbesondere zeigt die Studie, dass differentielle Nichtbeantwortung von Umfragen dazu führen kann, dass Schwankungen in der öffentlichen Meinung deutlich überschätzt werden.  Ähnliche Effekte könnten auch erklären, warum die Umfragen zum schottischen Referendum nach der anscheinenden Aufholjagd der Separatisten in den letzten Wochen im Schnitt ziemlich weit daneben lagen.

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